Wie läuft eine Zusammenarbeit im Lektorat ab?

Blick über die Trave auf die Lübecker Altstadt

Wer zum ersten Mal ein Manuskript lektorieren lassen möchte, muss eventuell eine Hemmschwelle überwinden, um Kontakt mit jemandem aus meiner Zunft aufzunehmen. Denn was kommt da auf einen zu? Wie funktioniert eine Zusammenarbeit im Lektorat? Sie kann jedenfalls viel mehr sein, als nur ein Manuskript abzugeben und es überarbeitet zurückzuerhalten. 

Der erste Kontakt

Meistens bekomme ich Anfragen per E-Mail. Theoretisch könnt ihr auch anrufen, aber wenn ich mitten in einem Auftrag stecke, lasse ich mich ungern vom Telefon aus dem Flow reißen. Außerdem hatte ich schon mehrere Scam-Anrufe.1Für den Enkeltrick bin ich zu jung, aber es gibt auch andere Maschen.

Am besten ist es, wenn ihr direkt so viele Details wie möglich liefert: Genre, Inhalt in zwei bis drei Sätzen, Anzahl der Normseiten und in welchem Zeitraum ihr das Lektorat erledigt haben wollt. Dann kann ich schnell einschätzen, ob ich die richtige Lektorin für euer Projekt bin.

Einige Kolleg*innen bestehen in der Phase auf ein Kennenlerngespräch per Telefon oder online. Ich biete das machmal an, gerade bei größeren Projekten. Ihr könnt mich danach fragen, wenn euch das für eine persönliche Zusammenarbeit wichtig ist, dann vereinbaren wir einen Termin.

Im nächsten Schritt einigen wir uns. Wir sprechen ab, wie intensiv ich das Lektorat durchführen soll und ob ich mein Augenmerk auf irgendetwas besonders richten soll,  z. B. darauf, ob die gruselige Stimmung gut eingefangen ist. Und wir legen ein Honorar fest.

Aber was passiert dann?

Die klassische Zusammenarbeit im Lektorat

Die klassische Zusammenarbeit beinhaltet den geringsten direkten Austausch zwischen meinen Kund*innen und mir.

Nachdem ich euren Text erhalten habe, mache ich einen ersten Durchgang des Lektorats, in dem ich auf Struktur und Inhalt achte. Gibt es Handlungsfäden, die nie aufgelöst werden? Ist der Showdown dramatisch genug? Ihr bekommt den Text mit meinen Anmerkungen zurück, arbeitet sie ein oder lehnt sie ab und gebt mir den Text wieder. Im zweiten Durchgang achte ich auf Stil und Sprache. Quillt der Text von Adjektiven und Adverbien über? Hören sich alle Charaktere gleich an, wenn sie reden?

Ich greife teilweise in den Text ein, streiche einzelne Wörter oder auch ganze Absätze, die aus meiner Sicht überflüssig sind, und formuliere kleinere Stellen um. Vor allem aber nutze ich die Kommentarfunktion. Darüber erläutere ich, warum ich eine Szene streichen würde oder mich die Entwicklung der Handlung nicht überzeugt. Mir ist es wichtig, dass ihr nachvollziehen könnt, warum ich Änderungen vorschlage.

Während beider Durchgänge bemühe ich mich, zwischendurch Rückmeldung zum aktuellen Stand zu geben. Oft ergeben sich auch Fragen, die ich klären will. Die Kommunikation läuft meist über E-Mail.

Was ist, wenn diese Art des Lektorats nicht zu euch passt? Es geht auch anders – mit persönlichen Treffen, Beratung per Telefon, Brainstorming per Videokonferenz und Online-Whiteboard zum Sammeln der Ideen etc.

Die Zusammenarbeit vor Ort

Eine sehr bereichernde Zusammenarbeit ergab sich 2021 mit Alice Moustier für ihr Buch „Scheitern als Businessbeschleuniger“, das sie gemeinsam mit Christian Dräger, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Drägerwerks, verfasst hat und das vor Kurzem erschienen ist.

Blick über die Trave auf die Lübecker AltstadtSie rief bei mir an, weil es ihr nicht recht gelang, das Material, das sie in Interviews mit Christian Dräger gesammelt hatte, in eine strukturierte Form zu bringen. Schnell waren wir uns einig, gemeinsam am Aufbau des Buches zu arbeiten. Alice Moustier lud mich ein, dafür ein verlängertes Wochenende zu ihr nach Lübeck zu kommen. Ich sagte zu, nahm meinen Freund mit und verbrachte so im Grunde meine erste Workation.2Auch wenn ich das Wort damals noch nicht kannte. Tagsüber arbeiteten wir bei frühsommerlichen Temperaturen in einem sonnigen Innenhof, ab dem späten Nachmittag zeigte sie uns Lübeck.

Das Interessante ist, dass Alice Moustier und ich gegensätzliche Persönlichkeiten sind, uns aber hervorragend ergänzt haben.

Bei dieser Zusammenarbeit habe ich gemerkt, wie inspirierend es ist, zu zweit zu brainstormen, Ideen zu diskutieren und zu ordnen und wie viel Kreativität dadurch freigesetzt wird. Seitdem führe ich solche Gespräche gern mit Kund*innen durch, weil auch ich noch mal auf ganz andere Vorschläge komme, als wenn ich allein an einem Text sitze.

Die Zusammenarbeit über Anrufe

Treffen sind jedoch eher selten. Meine Kund*innen stammten bisher schließlich aus ganz Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Aber auch Anrufe eignen sich gut, um miteinander ein Manuskript zu bearbeiten.

Eine Kundin hatte einen starken Anfang für einen historischen Roman, ein interessantes Setting und interessante Figuren, aber dem zweiten Akt fehlte der Schwung und der rote Faden. Daran haben wir in mehreren wöchentlichen Videocalls gearbeitet.

Ein anderer Kunde wollte, glaube ich, vor allem telefonieren, um beim Lautdenken seine Gedanken zu sortieren, denn ich kam selten zu Wort. Am Ende war er immer recht zufrieden mit dem, was er sich überlegt hatte, und schlug vor, aufzulegen, und ich fragte dann, ob ihn auch meine Meinung interessiert. 🙂

Was ist das Richtige für euch?

Macht euch daher Gedanken, wie ihr tickt oder was für die Schwierigkeiten, die ihr habt, die beste Herangehensweise ist. Vielleicht helfen euch Telefonate/Videokonferenzen zur gemeinsamen Lösungssuche bei Problemen viel mehr als eine überarbeitete Version eures Manuskripts zurückzuerhalten. Ich bin auch offen für neue Arten der Zusammenarbeit im Lektorat, an die ich bisher vielleicht nicht einmal gedacht habe. Behaltet im Hinterkopf, dass es nicht die eine Art gibt, ein Lektorat durchführen zu lassen. Ihr wollt für euer Geld am Ende schließlich ein Ergebnis haben, mit dem ihr etwas anfangen könnt.

Einen Köder schreiben – Praxisbeispiel Meuterei

Eine Piratin hält ein Schwert in der Hand, bereit für den Kampf

Ihr habt unzählige Artikel, darunter auch meinen, gelesen, wie man Lesende am Buchanfang ködert, und kämpft trotzdem noch damit, einen spannenden Köder zu schreiben? Oder eure Lektorin sagt euch, das sei schon ein netter Versuch, aber …?

Ich habe dazu ein Beispiel aus meinem Lektorat mitgebracht, um zu zeigen, wie ich bei der Überarbeitung eines Köders vorgegangen bin, wie man Problemen auf die Schliche kommt und wie man sie beheben kann. Der Autor macht nämlich bei seinem schon einiges richtig – schießt aber doch knapp am Ziel vorbei. Was ist gut, was ist schlecht und wie lässt es sich verbessern? Auf geht’s.

Das Duell

Eine Piratin hält ein Schwert in der Hand, bereit für den KampfSoll dies mein Ende sein? Darüber machte sich Kapitänin Becky Moore in letzter Zeit immer öfter Gedanken.

Ist es nicht ehrenhaft, in einem Duell zu sterben? Doch als die Klinge ihres Kontrahenten wieder auf sie zuflog, hob sie ihren rechten Arm und der Schlag wurde abgewehrt. Ihr Gegner hatte zu viel Kraft in seinen Angriff gesetzt, er stolperte und Becky wich seitlich aus.

Dafür, dass er so schlecht kämpft, hatte er eine echt große Klappe.

Schauen wir uns zuerst an, was funktioniert.

Soll dies mein Ende sein?

Die Hauptperson schwebt offensichtlich in Lebensgefahr. Dadurch wird Spannung aufgebaut und Fragen aufgeworfen: In was für einer Gefahr schwebt sie? Wie wird sie ihr entkommen? Wird sie verletzt werden?

Ist es nicht ehrenhaft, in einem Duell zu sterben?

Im zweiten Absatz haben wir Bewegung. Bewegung vermittelt uns immer den Eindruck, dass etwas passiert. Es passiert sogar nicht irgendetwas, sondern die Hauptperson duelliert sich. (Genau genommen enthält der Satz noch keine Bewegung, aber wir schließen aus ihm, dass sie sich gerade duelliert.) Jetzt wissen wir, in welcher Gefahr sie sich befindet – meistens ist es eine gute Idee, am Anfang schnell konkret zu werden, weil es uns schneller in die Geschichte zieht. Und wenn sie sich fragt, ob das kein ehrenhafter Tod wäre, drängt sich die Vermutung auf, dass sie das Duell verlieren könnte.

Doch als die Klinge ihres Kontrahenten wieder auf sie zuflog, hob sie ihren rechten Arm […]

Aber obwohl es nicht gut für sie aussieht, hat sie noch nicht aufgegeben. Sie setzt sich zur Wehr. Damit hat der Autor mich auf seine Seite gezogen. Wir mögen aktive, entschlossene Protagonisten.

Der Fehler

Und jetzt kommt der Punkt, an dem die Spannung in sich zusammenbricht:

Dafür, dass er so schlecht kämpft, hatte er eine echt große Klappe.

Beckys Leben ist nicht ansatzweise gefährdet. Der Matrose weiß kaum, wie herum man einen Säbel anfassen muss. Mir wurde ein epischer Kampf versprochen und ich erhalte … nichts. Das ist es, was K. M. Weiland meint, wenn sie von Opening Lines That Lie To Readers spricht.

Ein Versprechen zu geben, das man nicht einlöst, frustriert Lesende. Sie fühlen sich betrogen. Und es gab bereits schon eine Stelle, an der der Autor sein Versprechen zumindest zu brechen schien. Gehen wir noch mal zu den ersten Sätzen:

Soll dies mein Ende sein?

Das Versprechen – der Köder – ist, dass Becky sich jetzt in großer Gefahr befindet.

Darüber machte sich Kapitänin Becky Moore in letzter Zeit immer öfter Gedanken.

Dieser Satz nimmt die Spannung wieder heraus. Der erste Satz hat bei mir die Annahme geweckt, dass die Geschichte mit einer actionreichen Szene startet. Aber im zweiten erfahre ich, dass Becky sich allgemein seit Kurzem häufiger Gedanken über den Tod macht. Jetzt bin ich verwirrt und frage mich: Sitzt Becky vielleicht einfach an ihrem Küchentisch und grübelt bei einem Glas Wein über ihr verpfuschtes Leben nach? Ich weiß nicht mehr, ob ich mich in einer lebensbedrohlichen Situation befinde oder nicht. Den Autor rettet, dass er in den nächsten drei Sätzen dann doch konkrete, actionreiche Handlung zeigt.

Und obwohl der erste Satz Spannung weckt, denke ich, dass man auch diesen besser ersetzen sollte. Denn er ist vage, wir erfahren zu wenig über die Situation, die ihr Ende sein könnte.

Die Meuterei

Wie könnte man stattdessen den Köder schreiben? Dafür kurz eine Zusammenfassung, was passiert ist: Auf Beckys Schiff bahnt sich eine Meuterei an. Die neuangeworbenen Matrosen sind mit der Erwartung an Bord gegangen, dass sie bei den Überfällen reiche Beute machen werden, aber in den Gewässern, die sie befahren, gibt es für Piraten nicht viele lohnende Ziele. Becky beschließt schließlich, gegen den Rädelsführer anzutreten, um ihre Autorität wiederherzustellen. Das erfahren wir alles in einer Rückblende.

Ich würde aus dieser Rückblende die erste Szene machen. Denn die Gefahr, die von den Matrosen ausgeht, ist real. Die Situation ist angespannt. Wenn Becky sich nicht schnell behaupten kann, besteht das Risiko, dass die Meuterei auf die ganze Mannschaft übergreift. So sah das beim Autor aus:

»Uns wurde Reichtum versprochen!«, hatte der Matrose noch vor ein paar Augenblicken gemurrt. Seine Stirn lag in Falten und sein Kopf war rot wie ein Feuerkrake. Der Geruch von Schnaps und Tabak umgab ihn.

»Aber nicht von mir. Wenn ihr den Märchen aus den Tavernen Glauben schenkt, dann gebt nicht mir die Schuld«, antwortete Becky. Ihre braunen Haare waren vom Regen durchnässt und klebten an ihrer silbrig-grauen Haifischlederweste.

»Ich habe bei einer Moore angeheuert, da dieser Name für satte Mägen und prall gefüllte Truhen steht!« Der Matrose drehte sich zu den anderen Frischlingen um. Seine Kameraden waren zurückhaltend, stimmten aber zu.

Das Schlimme an Lektor*innen ist, dass sie nie zufrieden sind. 😉 Machen wir also damit weiter, wie ich den Köder schreiben würde.

Der unzufriedene Matrose

Mir gefällt der Einstieg mit der wörtlichen Rede gut. Es ist gleich klar, dass sich ein Konflikt abspielt. Aber nur murren? Das erzeugt nicht genug Spannung. Zusätzlich flacht die Spannung durch die zwei folgenden Sätze ab, in denen der Matrose beschrieben, aber die Handlung nicht vorangetrieben wird. Der Matrose, der nach Schnaps und Tabak riecht, kommt einem Klischee außerdem schon recht nah. Und mit einem Betrunkener dürfte die Kapitänin eines Piratenschiffs ja wohl locker fertigwerden können. Wir brauchen mehr Gefahr.

„Ich habe bei einer Moore angeheuert, weil jeder weiß, dass der Name reiche Prise bedeutet!“ Einer der neuen Matrosen versperrte Becky den Weg, als sie das Deck der Seeschlange betrat. Die anderen Seeleute stellten ihre Arbeiten ein. Nur der Wind war noch zu hören, der durch die Segel strich.

Der Matrose beschwert sich jetzt nicht nur, er bedroht sie auch körperlich. Da die Aussagen, dass ihnen Reichtum versprochen wurde und der Name Moore für gut gefüllte Truhen (= Reichtum) steht, sich kaum unterscheiden, habe ich sie zu einer zusammengefasst.

Neben dem Köder, der uns in die Handlung hineinzieht, muss uns ein Anfang auch Orientierung bieten: Wo und wann sind wir, wer sind die handelnden Personen? Der Autor hat das berücksichtigt, als er sowohl den Matrosen als auch Becky beschrieben hat.

Warum habe ich das also herausgenommen? Nun ja, zum einen wird der Matrose (Spoiler!) bald tot sein, zum anderen hat Becky zwar gerade das Deck eines Schiffs betreten, aber ich fühle mich noch nicht wie auf einem. Daher habe ich lieber etwas gewählt, das den Schauplatz in den Blick nimmt.

Becky in Bedrängnis

Auch Becky wiederholt sich, wenn sie sagt, dass sie ihnen nie Reichtümer versprochen hat („Aber nicht von mir. […] gebt nicht mir die Schuld“). Und auch sie wird beschrieben, ohne es in die Handlung einzubinden. Neuer Versuch:

Ihre Hand legte sich um den rubinbesetzten Griff ihres Säbels. „Wenn ihr den Märchen aus den Tavernen Glauben schenkt, seid ihr selbst schuld.“

Beckys Säbel spielt im weiteren Verlauf noch eine große Rolle. Und alles, was wichtig wird, sollte so früh wie möglich angesprochen werden. Auch im eigentlichen Anfang kommt der Säbel ja vor.

Bei Becky hätte ich gern eine Beschreibung eingefügt, da sie die Hauptfigur ist. Momentan wissen wir, dass sie eine Hand und einen Säbel mit rubinbesetztem Griff hat und die Kapitänin sein muss. Sie bleibt insgesamt noch wenig greifbar. Mein Gefühl war aber, dass es Tempo herausnehmen würde, sie hier weiter zu charakterisieren. Ich würde das im vierten Absatz nachholen und schauen, ob es ausreicht, sie dort erst näher zu zeigen, oder ob ich doch hier einen Satz finden sollte.

Die Meuterei weitet sich aus

Der Matrose verschärft in der ursprünglichen Version den Konflikt, indem er noch einmal darauf pocht, dass sie sich etwas anderes unter Kaperfahrten mit einer Moore vorgestellt haben, und sich vergewissert, dass er den Rückhalt der anderen hat. Aber der letzte Satz über die Reaktion seiner Kameraden ist zu ungenau. Was bedeutet waren zurückhaltend, stimmten aber zu?

„Ist es auch ein Märchen, dass Ihr die besten Stücke in euren eigenen Taschen verschwinden lasst?“ Der Matrose drehte sich zu den anderen Frischlingen um, die langsam einen Halbkreis hinter ihm bildeten. „Das wüsste ich auch gern!“, rief eine hagere Frau, die einen Seeadler auf den Hals tätowiert hatte.

Der Konflikt eskalierte aus meiner Sicht am Anfang nicht stark genug. Daher habe ich massivere Vorwürfe eingefügt. Becky wird weiter in die Enge gedrängt und aus der gesichtslosen Masse, die zurückhaltend zustimmt, greife ich eine Frau heraus, um die Szene plastischer zu machen.

Das Gerücht, dass Becky ihrer Mannschaft Beute vorenthalte, habe ich vom Autor übernommen. Es kommt allerdings viel weiter hinten, wenn die Unzufriedenheit auf dem Schiff durch solche und weitere Gerüchte angeheizt wird. Dadurch müsste sich der Autor dort etwas anderes ausdenken, um den Konflikt voranzutreiben.

Der Autor legt noch einen Köder aus: Die Moores galten und gelten offensichtlich als gefürchtete Freibeuter. Aber Becky wird diesem Ruf nicht (mehr?) gerecht. Das macht mich neugierig: Wie ist es dazu gekommen?

Ein echter Kampf

Der Autor kann auch mit dem Kampf anfangen. Mein Rat wäre aber, aus dem sich selbst überschätzenden Matrosen einen echten Gegner zu machen und zwar unabhängig davon, ob der Kampf als Köder genutzt wird oder erst auf Seite 2 stattfindet. Denn wenn er sie in Bedrängnis bringt und die Stimmung im Verlauf des Kampfes dadurch vielleicht immer stärker zu seinen Gunsten kippt, entsteht Spannung.

Welche der beiden Szenen würdet ihr als Köder nehmen? Weckt bei euch der Satz „Soll dies mein Ende sein?“ dieselbe Erwartung wie bei mir? Und falls jemand sich inspiriert fühlt, selbst dazu einen Köder zu schreiben: Bitte in die Kommentare damit. 🙂

Vielen Dank an den Autor, der mir seinen Anfang zur Verfügung gestellt hat!

Wollt ihr wissen, wie ich an das Beitragsbild zu diesem Artikel gekommen bin? Dann lest

Was qualifiziert uns, Lektorat anzubieten?

Ein Mädchen präsentiert ihre Pokale und Medaillen.

Ein Mädchen präsentiert ihre Pokale und Medaillen.Lektor*in ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Das ist zum einen ein Segen – keine fünfzig Bewerbungen schreiben, zu fünf Vorstellungsgesprächen eingeladen werden und dann keinen Ausbildungsplatz erhalten1Oder würde man dafür eher einen Studiengang anbieten? – und zum anderen ein Fluch – wie weise ich nach, dass ich die nötigen Qualifikationen habe, als Lektorin zu arbeiten?

Viele von uns haben etwas studiert, das als Qualifikation für den Beruf als Lektor*in angesehen wird – Germanistik oder Literaturwissenschaft z. B. –, aber vorbereitet auf die Tätigkeit wird man dadurch nicht. Einige von uns haben in Verlagen gearbeitet, das ist keine schlechte Basis. Aber bei den meisten ist es wie bei mir ein Quereinstieg. Wie sorge ich dafür, dass ich die nötigen Kompetenzen erwerbe? Woher wisst ihr, ob wir Ahnung von dem haben, was wir tun?

Qualifikation durch Aus-, Fort- und Weiterbildungen

Die Qualifikation als Lektor*in erwirbt man z. B. über Fortbildungen. Von, zumindest gefühlt, jeder und jedem belegt, auch von mir, ist der Kurs Freies Lektorat von Irene Rumler bei der Akademie der deutschen Medien. Er gilt beim VFLL (Verband der freien Lektorinnen und Lektoren) als ein möglicher Nachweis, um eine Mitgliedschaft zu beantragen.

Die meisten Fortbildungen habe ich beim VFLL selbst gemacht. Dieser arbeitet seit letztem Jahr an einem Ausbau seines Fortbildungsprogramms, um uns sowohl ein solides Fundament für unsere Arbeit als auch Weiterbildungen zu den jeweils eigenen Schwerpunkten zu verschaffen.

Außerdem kann man bei der Textehexe und bei Lektorat Unker Kurse zur Weiter-/Ausbildung als Lektor*in belegen. Daneben gibt es weitere Anbieter, die ihre Seminare eher auf Schreibende ausrichten, bei denen es sich aber auch als Lektor*in immer mal wieder lohnt, ins Programm zu schauen. Dazu gehört das Nordkolleg Rendsburg

Qualifikation durch Vernetzung

Einen großen Teil meiner Qualifikation gewinne ich durch den Austausch mit Kolleg*innen. Da ist einmal meine VFLL-Regionalgruppe Niedersachsen mit ihren monatlichen Stammtischen, auf denen wir uns über alle möglichen beruflichen Themen unterhalten. Es gibt die VFLL-Mailingliste, auf der alle Arten von Fragen gestellt werden – von der Kommasetzung über die Verwendung des unzuverlässigen Erzählers bis hin zu Problemen mit Word. Allein durch das Mitlesen werde ich ständig schlauer. Ich bin außerdem im Netzwerk Selfpublishing des VFLL, in dem wir uns damit beschäftigen, was im Selfpublishing von Lektor*innen speziell gebraucht wird. Mitglieder mit anderen Schwerpunkten und Interessen als ich sind z. B. im Netzwerk Kinder- und Jugendbuch, Bildungsmedien oder Digitalisierung.

Drei Giraffen beim NetzwerkenKollegialer Austausch in kleinen Gruppen liegt mir am meisten. Ebenfalls einmal im Monat treffe ich mich online mit drei anderen Lektorinnen, Kathrin Andreas, Sarah Zimmermann und Romy Schneider2s. Symbolbild 😉, die ich über eine Fortbildung des VFLL kennengelernt habe. Ihr findet sie auf meiner Profilseite unter Kooperationen. Wir sprechen über Themen wie Angebotsgestaltung, Verfassen von Exposés, das Einbinden von Rückblenden und empfehlen uns Fortbildungen. Manchmal holen wir uns Hilfe bei einem Manuskript, an dem wir gerade arbeiten – schaut euch mal diese Metapher an, die klingt doch schräg, aber warum? Ich weiß von anderen, dass auch sie mit Kolleg*innen in so einem engen Austausch sind.

Weitere Netzwerke, in denen sich Frauen aus der Buchbranche treffen, sind die Bücherfrauen und der Texttreff.

Eine Mischung aus beidem – Weiterbildung und Netzwerken – ist die Fachtagung Freies Lektorat, die letztmalig – und erstmalig mit mir – 2022 in Halle stattfand, sowie Buchmessen und der Self-Publishing-Day.

Qualifikation durch tägliche Weiterbildung

Abgesehen davon bilde ich mich im weiteren Sinne täglich fort. Über Schreibratgeber, Youtube-Videos, Blogbeiträge und Podcasts oder indem ich Beispiele für gutes Schreiben sammele. Genau genommen auch dadurch, dass ich lese und Serien und (seltener) Filme schaue. Weil ich das nicht kann, ohne mir Gedanken über die Story Structure, Dialoge, Charakterentwicklung etc. zu machen. Und so wie das kontinuierliche Schreiben die eigenen Fähigkeiten immer weiter verbessert, werden auch wir durch das Lektorieren, Kommentieren und Umschreiben der uns anvertrauten Texte immer besser.

Qualifikation von Lektor*innen einschätzen

Wie ihr vielleicht gemerkt habt, ist es nicht unbedingt leicht, unsere Qualifikation als Lektor*in sichtbar zu machen. Nicht einmal darüber, dass wir Fortbildungen auf unserer Website aufführen, weil es irgendwann den Rahmen sprengen würde, alle zu nennen. Trotzdem ist es ein guter Anhaltspunkt, bei der Suche nach einem Lektorat zu schauen, welche Fortbildungen die Person besucht hat und in welchen Netzwerken sie Mitglied ist. Blogs sind ein weiteres Mittel, unsere Kompetenz darzustellen. Manche haben Kundenstimmen auf ihrer Seite oder führen einige Auftraggeber auf. Falls ihr immer noch unschlüssig seid, könnt ihr nach einem Probelektorat oder einem Erstgespräch fragen, um euer Projekt vorzustellen.

Habt ihr euch schon mal Gedanken darüber gemacht, wie wir zu unserer Expertise kommen?

Beispiele für gutes Schreiben sammeln

Ein Eichhörnchen bewacht einen Mini-Einkaufswagen mit Erdnüssen.

Wer gut schreiben will, muss viel lesen und viel üben. Ich finde aber auch, dass man viel sammeln muss. Sammeln? Genau, Beispiele dafür, wie man gut schreibt. Wieso muss ich an dieser Stelle lachen? Warum kann ich am Ende des Kapitels den Krimi nicht weglegen, sondern lese weiter? Weshalb habe ich das Gefühl, mich selbst auf der Brücke der Enterprise zu befinden? Wie machen die Autor*innen das nur? 

Eine Datei von 30 Seiten (wachsend)

Ein Eichhörnchen bewacht Erdnüsse in einem Einkaufswagen.Um dieses Mysterium zu lüften, habe ich mir eine Datei angelegt, in der ich Beispiele für gutes Schreiben sammele: lebendige Beschreibungen, treffende Metaphern, Köder, die die Leser*innen in die Geschichte ziehen, geschickte Vorausdeutungen, packende Emotionen etc. Diese nutze ich einmal für mich selbst, indem ich mir überlege, warum das Beispiel funktioniert. Ich nutze die Beispiele außerdem, um meinen Kund*innen zu verdeutlichen, wie sie pointierter, witziger, spannender … schreiben können. Aber auch für meinen Blog kann ich auf diesen Fundus nun zurückgreifen wie z. B. für den Artikel Story Structure: Köder mich. 🙂

Wann immer ihr auf einen fesselnden Buchanfang stoßt, schreibt ihn euch auf, überlegt, warum er euch fesselt und was ihr daraus für euer Schreiben oder Lektorieren lernen könnt. Und wenn ihr als Autor*in oder Lektor*in merkt, dass dem Anfang des Manuskripts die Spannung fehlt, dann könnt ihr zur Inspiration in eure gesammelten Beispiele schauen.

Beispiele gefällig?

Erste Sätze, die mich begeistern, sind z. B.

Die Stadt brannte. (Andrzej Sapkowski: Das Erbe der Elfen)

Gestern Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley. (Daphne du Maurier: Rebecca)

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm. (Stephen King: Schwarz)

Wenn es um Beschreibungen sowie Vergleiche und Metaphern geht, sind meine Favoriten Georges Simenon, Alice Munro und Raymond Chandler.

Es regnete noch immer, noch immer dieser Nieselregen, der sich auf die Scheiben legte, stumm und trüb vom Himmel fiel, und einem das Gefühl gab, man lebe in einem Aquarium. (Georges Simenon: Maigret und die Aussage des Ministranten)

[…] obwohl das die Jahreszeit war, in der sich Schneewehen wie schlafende Wale um das Haus legten […] (Alice Munro: Jungen und Mädchen)

Der Verkehrslärm vom Boulevard kam in Wellen, wie Brechreiz. (Raymond Chandler: Lebwohl, mein Liebling)

Habt ihr eine solche Datei bereits? Oder habt ihr vor, jetzt eine anzulegen? Was sind für euch Beispiele für gutes Schreiben?

Ein Lektorat ist nicht günstig, aber ihr könnt es günstiger machen

Hilfe beim Lektorat von Manuskripten: Mein Regal mit Schreibratgebern

Hilfe beim Lektorat von Manuskripten: Mein Regal mit SchreibratgebernEin Lektorat bei freiberuflichen Lektor*innen kostet viel Geld.1Und anschließend kommt noch das Korrektorat. Je mehr an einem Manuskript zu tun oder je länger es ist, desto teurer wird es. Dennoch sollten alle Selfpublisher*innen, die professionell schreiben wollen, eins in Auftrag geben.

Wie können Schreibende dafür sorgen, dass der Preis für ein Lektorat günstiger ausfällt? Indem man bessere Manuskripte schreibt. Schön, aber wie erreicht man das?

Üben, üben, üben

Schreiben muss man lernen. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto besser wird man darin – wie das bei allen Tätigkeiten der Fall ist. Stephen Kings erster Ratschlag lautet, viel Belletristik zu lesen, insbesondere in dem Genre, in dem man selbst schreibt.2Stephen King: „Das Leben und das Schreiben“ Aber das allein reicht nicht. Man muss sich auch mit den Techniken des Schreibens auseinandersetzen, indem man Schreibratgeber liest und entsprechenden Websites und YouTube-Kanälen folgt. Und dann übt, es umzusetzen. Falls man das Geld und die Zeit hat, sind sie gewinnbringend in Fortbildungen und Studiengänge zum Schreiben investiert.

Das hört sich zwar nicht unbedingt günstig an, aber auf lange Sicht zahlt es sich aus. Entweder weil der Preis für das Lektorat sinkt oder weil im Lektorat für den selben Preis mehr Feinschliff gemacht werden kann.

Die erste Fassung ist fertig

Nachdem das Manuskript fertig ist, sollte man es einige Wochen weglegen und danach mit Distanz noch einmal durchlesen und überarbeiten. Wenn euch der Text fremd erscheint, habt ihr den nötigen Abstand. Jetzt werdet ihr selbst schon einige Patzer bemerken und es wird euch leichter fallen, liebgewonnene Szenen zu streichen, die aber keine Bedeutung für die Geschichte haben.

Danach sollte man das Ganze an einige Personen geben und um eine Rückmeldung bitten. Diese sollten folgende Kriterien erfüllen:

  1. Sie werden ehrlich ihre Meinung sagen, auch wenn die Kritik unangenehm ist.
  2. Sie sind begeisterte Leser*innen – am besten des Genres, in dem ihr schreibt – und haben deswegen Ahnung von guter und schlechter Literatur.
  3. Noch besser ist es, wenn sie sich mit dem Thema auskennen, um das es geht: Demenz, Quantencomputer, die erfolglose Monmouth Rebellion von 16853Falls ihr zufällig dazu jemanden sucht, bin ich eure Lektorin..

Testleser*innen findet man auch im Internet, z. B. auf lovelybooks oder Facebook. Ihr Feedback nutzt ihr, um euer Manuskript weiter zu verbessern, bevor ihr es in ein professionelles Lektorat gebt.

Ein teilweises Lektorat

Einige Lektor*innen machen Probelektorate von ein paar Seiten oder geben euch zumindest Tipps, nachdem sie in euer Manuskript geschaut haben. Was ihr dadurch lernt, könnt ihr schon vor dem Lektorat umsetzen, nicht nur auf den Probeseiten, sondern im gesamten Text.

Eine andere Möglichkeit ist, nur ein Lektorat der ersten Kapitel (ca. 50 Seiten) in Auftrag zu geben. Was euch dort geraten wird, wendet ihr ebenso auf das ganze Manuskript an … und auf alle folgenden.4Auch um seine Chancen, bei einem Verlag angenommen zu werden, zu verbessern, kann man ein Lektorat der ersten 50 Normseiten durchführen lassen. Die Lösung bietet sich an, wenn ihr nicht ausreichend Geld für ein komplettes Lektorat habt.5Falls es für euch schwierig ist, eine größere Summe auf einmal zu überweisen, fragt nach Ratenzahlungen. Ich z. B. akzeptiere sie. Dafür müsst ihr dann selbst mehr Arbeit hineinstecken. Andererseits übt ihr dann gleich wieder (s. o.), was dazu führt, dass das nächste Lektorat günstiger wird. 😉

Die Suche nach einer Lektorin/einem Lektor

Mir und auch vielen Kolleg*innen passiert es immer wieder, dass die Frage kommt, ob man direkt anfangen könne. Das kann klappen, Leerlauf kommt vor. Andererseits ist es möglich, dass ich für die nächsten zwei oder sechs Monate ausgebucht bin. Oder dass ich aus verschiedenen Gründen nicht die richtige Lektorin bin, z. B. weil ich keine Thriller annehme. Es ist daher sinnvoll, sich frühzeitig auf die Suche nach einer Lektorin oder einem Lektor zu begeben. Ihr findet uns z. B. über die Datenbank des VFLL oder indem ihr eine Anfrage über unsere Mailingliste stellt oder auf lektorat.de.

Egal, wer sich am Ende eures Manuskripts annimmt, wir sind alle glücklich, wenn wir eins auf hohem qualitativen Niveau erhalten und uns größtenteils nur um Feinschliff zu kümmern brauchen. Und ihr seid glücklich, weil das Lektorat günstiger ist, als erwartet.

Bessere Manuskripte schreiben durch

Allgemeine Schreibratgeber

Roy Peter Clarke: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben

Sylvia Englert: So lektorieren Sie Ihre Texte. Verbessern durch Überarbeiten

Stephen King: Das Leben und das Schreiben

Sol Stein: Über das Schreiben

Außerdem existieren viele Ratgeber zu speziellen Themen wie Spannung, Erzählperspektive, Charaktere, Story Structure, bildhaftem Schreiben etc.

Das Internet ist wenig überraschend eine Fundgrube. Hier aus einem unermesslich großen Angebot fünf Links:

Helping writers becoming authors von K. M. Weiland

Schriftzeit von Stephan Waldscheidt

Annika Bühnemann

Writers helping writers von Angela und Becca

Writer Brandon McNulty

und ein Extra: Die genannten Websiten sind bereits bekannte, vielgelesene Seiten. Daneben gibt es aber auch viele (noch) kleine, ebenfalls gute Blogs, wie den meiner Kollegin Nina Firl.

Fortbildungen und Studiengänge

Akademie für Autoren

Textmanufaktur

VFLL

Wofür brauche ich eine Lektorin?

Schild mit Aufschrift "Help this way"

Schild mit der Aufschrift "Help this way": Die Aufgabe einer Lektorin ist, Hilfe für Autor*innen zu leistenGerade die, die erst vor Kurzem mit dem Schreiben angefangen haben, wissen häufig nicht genau, was Lektor*innen leisten. Ich will daher versuchen, unsere vielschichtige Arbeit näher zu erklären.

Ich beschreibe meine Aufgabe als freiberufliche Lektorin, wenn andere fragen, was ich tue, oft als: „Ich sage Autor*innen, was sie besser machen können.“1Ich sage auch, dass ich Lektorin geworden bin, weil es einfacher ist, Texte zu kritisieren, als es selbst besser zu machen. Es gehört aber natürlich viel mehr dazu, denn es ist auch meine Aufgabe, ihnen zu sagen, warum ich denke, dass es anders besser wäre, wie sie es besser machen können und was sie richtig machen. Am liebsten ist es mir natürlich, wenn sie meinen Vorschlägen folgen, aber sie haben – schließlich ist es ihr Text – immer das letzte Wort.

Was heißt das nun konkreter?

Erst einmal, dass ich mich dennoch bei einem Lektorat mehr auf das fokussiere, was in einem Text schiefläuft. Ob es dabei darum geht, dass das rote T-Shirt der Hauptfigur plötzlich ein grünes Kleid ist, die Vierjährige wie eine Professorin für Experimentalphysik klingt oder der Ich-Erzähler manchmal zum Er-Erzähler wird. Da sieht ein Text schnell rotgetränkt aus.2Selbst in vielen meiner Lieblingsbücher finde ich Stellen, die ich optimieren möchte.

Ich möchte damit niemanden entmutigen. Ich weiß auch, dass es nicht unbedingt leicht ist, mit Kritik am eigenen Text umzugehen, auf den man wahrscheinlich stolz ist. In den meisten Fällen ist es aber nicht so schlimm, wie es auf den ersten Blick aussieht. Denn Schreibende haben normalerweise ein paar „Lieblingsfehler“, die sich durch das ganze Manuskript ziehen. Ich merke einfach dasselbe Problem immer wieder an. Der Hang zu Füllwörtern ist dabei z. B. nicht besonders schwerwiegend und schnell zu beheben.

Zum anderen sind ein Teil meiner Kommentare auch Nachfragen wie: „Meinen Sie, dass Maxim in dieser Situation so ruhig bleibt? Ich bin nicht sicher, ob das zu ihm zu passt, wo er doch sonst schnell wütend wird“ oder: „Gab es 1912 schon Teebeutel?“ Manches erledigt sich (beinahe) von selbst: Meine Kundin hat recherchiert, dass es Teebeutel gab, und nachdem sie einen Nebensatz eingefügt hat, wird nachvollziehbar, warum Maxim dieses Mal gelassen bleibt.

Gibt es noch andere Aufgaben, die Lektor*innen übernehmen?

Dazu gibt es verschiedene andere Dienstleistungen, die wir neben dem klassischen Lektorat im Portfolio haben können: Unterstützung im Schreibprozess, Texten, Vermittlung an Literaturagenturen, Hilfe bei der Wahl einer Selfpublishing-Plattform, Erstellung des Buchsatzes, Lektorat des Exposés, mit dem man sein Manuskript bei einem Verlag einreicht, oder Fortbildungen.

Ein Lektorat beinhaltet im Normalfall zwar kein Korrektorat, aber ich entferne während des Lektorats Flüchtigkeits- und leicht zu erkennende Fehler. Ein richtiges Korrektorat wird aus meiner Sicht erst nach dem Lektorat durchgeführt. Es bieten jedoch nicht alle von uns Korrektorate an.

Kann man sein Manuskript nicht selber lektorieren?

Vielleicht meint man, dass man auf ein Lektorat verzichten kann. Aber das ist ein Irrtum.3Selbst Bestsellerautoren würden das Lektorat nicht auslassen. Nachdem man so viel Zeit mit seinem Manuskript verbracht hat, sieht man nicht mehr, wo die Schwächen liegen. Man hängt viel zu sehr an liebgewonnenen Landschaftsbeschreibungen, Vergleichen oder Charakteren, um zu erkennen, dass diese den Lesefluss aufhalten, hinken oder keine echte Funktion für die Handlung haben. Dafür bin ich da.

Es macht dennoch Sinn, das eigene Manuskript zu überarbeiten, bevor man es ins Lektorat gibt. Mit etwas Abstand sieht man schon den ein oder anderen Mangel. Aber spätestens für den Feinschliff bedarf es einer externen Instanz. 

Als Lektorin weise ich auf grundlegende und weniger grundlegende Probleme im Text hin, damit diese nicht in zwanzig (oder hundert) Rezensionen auf Amazon thematisiert werden. Damit das Buch erfolgreich wird. Damit meine Kund*innen dazulernen, sodass beim nächsten Manuskript weniger zu überarbeiten ist. Ich begreife es als meine Aufgabe, unangenehme Dinge zu sagen, um es Schreibenden zu ermöglichen, das Beste aus sich und ihrem Manuskript herauszuholen.

Aber wie erwerben Lektor*innen ihre Expertise?