Der Tee, der dem ersten Newtonschen Gesetz trotzt

Ein Glas Tee mit einem Stängel Minze steht auf einem Untersetzer aus Bast

Jetzt seid ihr bestimmt neugierig, was Newton mit Tee und dem Schreiben zu tun hat. Nun ja, das erste Newtonsche Gesetz beschreibt folgendes Prinzip:

Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern jener nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.

Anders ausgedrückt: Was sich erst mal in eine Richtung bewegt, bewegt sich weiter in diese Richtung, wenn es nicht durch andere Kräfte gestoppt wird. Oder wenn es sich nicht bewegt, bewegt es sich auch weiterhin nicht, außer es wird durch einen äußeren Umstand dazu gezwungen. Diese Naturgesetze müssen auch beim Schreiben beachtet werden, z. B. im Zusammenhang mit Tee.1Auch wenn wir dafür nicht wissen müssen, wie es heißt.

Was hat Newton mit Belletristik zu tun?

Ein Glas Tee mit einem Stängel Minze steht auf einem Untersetzer aus BastDer Typ ist groß und hat einen Seitenscheitel. In der einen Hand hält er einen Becher Tee […]

Eine halbe Seite später fällt dem Typen auf, dass er gerade die Person getroffen hat, die er gesucht hat. So verleiht er seiner Freude Ausdruck:

„Victoria Spring!“ Er reißt aufgeregt die Arme hoch.

Alice Oseman: Solitaire

Physik ist nicht meine starke Seite, aber eins weiß ich: Wenn ich eine Hand nach oben reiße, in der ich einen Becher mit Tee halte, dann spritzt der Tee an die Decke.2Oder eben: „Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern jener nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“ Und es befindet sich Tee in dem Becher, denn er trinkt wenig später daraus.

Vielleicht wollte die Autorin einen interessanten Begleitsatz zur wörtlichen Rede schreiben und nicht etwas wie Er schaut mich aufgeregt an. Sie hatte aber offensichtlich ihr Setup nicht gut im Blick.3Und ihr*e Lektor*in ebenfalls nicht. Die Szene ist dadurch nicht logisch, weil sich der Tee nicht an Newtons erstes Gesetz hält.

Wie vermeidet man solche Fehler, bei denen Naturgesetze gebrochen werden?

Die Naturgesetze beim Schreiben beachten

Einer meiner Autoren versetzt sich in seine Charaktere und nimmt die Umgebung mit allen Sinnen wahr. Er sieht das Meer von seiner Bank auf der Promenade, er spürt das raue Holz unter sich, hört die Rufe der Hafenarbeiter und riecht den Rosenstrauch neben sich. Er lässt die Szene aber auch weiterlaufen. Wenn hinter ihm eine Eisverkäuferin ihren Wagen entlangschiebt, übertönen ihre Rufe die der Hafenarbeiter und ein kühler Luftzug streift seinen Nacken. Auch dass ihr Ruf lauter ist und der Luftzug ihn kühlt, hat mit irgendwelchen Naturgesetzen zu tun.4Wer sich Fleißpunkte verdienen möchte, kann in die Kommentare schreiben, um welche es sich handelt. 😉

Ich denke, dieser Autor hätte im Blick gehabt, was passiert, wenn jemand einen Becher mit Tee nach oben reißt. Denn er hätte vor seinem inneren Auge durchgespielt, wie die Szene realistischerweise abläuft, und den Tee nach oben spritzen sehen.

Selbst bei Fantasy oder Science-Fiction müsst ihr die Naturgesetze beim Schreiben beachten. In den Welten dort mögen andere gelten als bei uns, aber auch dort gibt es welche. Wenn dort Tee im Becher bleibt, wenn man die Arme nach oben reißt, muss er immer im Becher bleiben. Er kann nicht in einer Szene auf einmal an die Decke spritzen.

Habt ihr noch andere Ideen, was man tun kann, um Problemen mit den Naturgesetzen auf die Schliche zu kommen?

PS: In dem Ausschnitt aus Solitaire versteckt sich noch ein weiterer Fehler. Woher weiß Victoria, dass sich in dem Becher Tee befindet, wenn der Typ mehrere Meter von ihr entfernt steht? Zur Perspektive – denn um einen Perspektivfehler handelt es sich hier – hat meine Kollegin Anya Lothrop einen Artikel veröffentlicht. Auch der Fehler wäre entdeckt worden, wenn man durch die Augen der Protagonistin geblickt hätte. So hätte man festgestellt, dass man den Inhalt des Bechers nicht sehen kann.

Begleitsätze zur wörtlichen Rede

Zwei Meisen unterhalten sich an einer Vogeltränke

Ihr habt sicher schon oft Tipps dazu gesehen, wie man glaubwürdige Dialoge schreibt. Aber wie steht es mit Ratschlägen zu den Sätzen, die die wörtliche Rede begleiten? Diese Begleitsätze sind keine reine Dekoration, sondern erfüllen eine wichtige Funktion. Sie können eine Menge dazu beitragen, eine Geschichte interessant zu gestalten, und man sollte die Möglichkeiten nutzen, die sie bieten. Darum solltet ihr auch ihnen viel Aufmerksamkeit widmen.

Was ist ein Begleitsatz zur wörtlichen Rede?

Zwei Meisen unterhalten sich an einer Vogeltränke„Hat Poirot noch nach anderem gefragt?“, erkundigte ich mich.

Agatha Christie: Alibi

Bei erkundigte ich mich handelt es sich um einen solchen Satz, genau wie bei sagte er, antworteten sie etc. Das ist die kürzeste Form.

Das ist eine längere Version eines Begleitsatzes mit zusätzlichen Informationen:

„Die Abendpost, Sir“, sagte er und überreichte Ackroyd das Tablett mit den Briefen.

Agatha Christie: Alibi

Begleitsätze, die mit einem Verb des Sprechens an die wörtliche Rede angehängt sind, werden auch Inquit-Formel genannt.

Aber der Begleitsatz muss nicht an eine wörtliche Rede angeschlossen sei, er kann einen selbstständigen Satz bilden wie hier:

„Bist du bereit, die größte und älteste Geschichte Zamoniens zu hören, mein Sohn?“

Rumo nickte.

„Sie ist Milliarden von Jahren alt.“ Smeik wedelte dramatisch mit seinen vierzehn Armen.

Walter Moers: Rumo und die Wunder im Dunkeln

Rumo nickte ist ein Begleitsatz zur wörtlichen Rede, genau wie Smeik wedelte dramatisch mit seinen vierzehn Armen.

Die Relevanz von Begleitsätzen

Es gibt viele Gründe, Dialoge in Begleitsätze einzubetten. Sie sorgen dafür, dass ein Roman nicht wie ein Theaterstück wirkt, indem sie die wörtliche Rede auflockern. Dafür, dass man weiß, wer redet, vor allem dann, wenn mehr als zwei Personen sprechen. Oder sie vermitteln Kontext: Wo und wann spielt das Ganze? Was ist das für eine Person, die da spricht? Was passiert währenddessen drumherum? Die Sätze können das Gesagte auch konterkarieren, wenn die Mimik und Gestik der Sprecherin etwas anderes auszudrücken scheinen als ihre Worte.

Jetzt enthält ein Roman normalerweise viele Dialoge – wie soll man da nur lauter bedeutungsvolle Begleitsätze finden? Das ist zum Glück nicht nötig. Oft reicht ein einfaches sagte er oder fragte sie, sonst können die Begleitsätze zu sehr von der wörtlichen Rede ablenken. Es geht also auch darum, zu entscheiden, wann man welche Art von Begleitsatz wählt. Das führt uns zur nächsten Frage: Was für Begleitsätze zur wörtlichen Rede gibt es?

Die Arten von Begleitsätzen

Ich unterscheide verschiedene Arten von solchen Sätzen:

  • schlichte Begleitsätze
  • Aufmerksamkeit heischende Begleitsätze
  • Lückenfüllersätze
  • die wörtliche Rede wiederholende Begleitsätze
  • Begleitsätze, die etwas über die Charaktere mitteilen
  • Begleitsätze, die die wörtlichen Rede mit der Handlung verschränken
  • Begleitsätze, die die Umgebung/Atmosphäre zeigen
  • Begleitsätze, die Spannung aufbauen

Dass Smeik beim Geschichtenerzählen dramatisch mit seinen vierzehn Armen wedelt, kann ausdrücken, dass er gern im Mittelpunkt steht oder dass er Freude daran hat zu erzählen (und wie er aussieht, falls wir noch nicht wussten, dass er vierzehn Arme besitzt).

Dass eine Person Ackroyd seine Briefe auf einem Tablett bringt, sagt uns einmal, dass es sich bei der Person um einen Bediensteten und bei Ackroyd um einen wohlhabenden Mann handelt, der sich sowohl Bedienstete als auch einen gehobenen Lebensstandards leisten kann1Oder besitzt ihr Tabletts für eure Post?.

Und sagte er ist ein schlichter Begleitsatz, einer ohne unnötigen Schnickschnack.

Ihr wollt mehr darüber wissen? Was es genau mit den verschiedenen Arten auf sich hat, wann man welche einsetzt und welche man meiden sollte? In den nächsten Wochen und Monaten werde ich weitere Beiträge dazu veröffentlichen.

 

Welche Begleitsätze zur wörtlichen Rede du vermeiden solltest

Begleitsätze, die ihr vermeiden solltet: Eine junge Frau schläft auf einem Stapel Bücher, vermutlich nachdem sie zu viele davon gelesen hat

Im letzten Beitrag habe ich erklärt, was Begleitsätze zur wörtlichen Rede sind und welche es davon gibt. Heute mache ich mit den Begleitsätzen weiter, die man vermeiden sollte: den Lückenfüllersätzen, Aufmerksamkeit heischenden Begleitsätzen und solchen, die die Aussage der wörtlichen Rede wiederholen. Wie man erkennt, ob es sich um solche Sätze handelt, und warum man sie vermeiden sollte, erfahrt ihr jetzt.

Lückenfüllersätze

Was mir immer wieder auffällt – in Manuskripten, die ich bearbeite, aber auch in veröffentlichten Büchern – sind Begleitsätze wie:

„Lorem ipsum dolor sit amet“, sagte er, ohne sie anzuschauen.

Sie musterte ihn, sah weg, schaute ihn wieder an. „Consectetur adipisici elit.“

Er wich ihrem Blick aus. „Sed eiusmod tempor incidunt ut labore.“

Ihre Blicke trafen sich, bevor er zu Boden schaute.

Beliebt sind auch: nickte sie, er schüttelte den Kopf, sie ballte die Hände zu Fäusten, er zog die Schultern/Augenbrauen hoch, sie lächelte, er verschränkte die Arme.

Diese Sätze können ihre Berechtigung haben. Wenn jemand permanent Blickkontakt ausweicht, vermuten wir, dass er etwas zu verbergen hat. Dann wäre es allerdings kein Lückenfüllersatz mehr, weil es uns etwas über die Person verrät und Spannung aufbaut: Lügt sie? Wenn ja, warum? Oder scheut sie nur Blickkontakt?

Auch gegen Rumo nickte ist erst einmal nichts einzuwenden. Die Begleitsätze sollen schließlich nicht zu sehr vom Dialog ablenken. Was aus meiner Sicht aber gar nicht geht, ist: „Oh ja!“ Rumo nickte. Darauf komme ich gleich zurück.

Begleitsätze, die ihr vermeiden solltet: Eine junge Frau schläft auf einem Stapel Bücher, vermutlich nachdem sie zu viele davon gelesen hatIhr habt vielleicht schon gemerkt, warum Sätze wie er presste die Lippen zusammen, sie lächelte, er runzelte die Stirn langweilig sind. Es handelt sich um Gestik und Mimik, die wir hundertfach verwenden. Daher fallen sie einem direkt ein, wenn man überlegt, was man Charaktere tun lassen könnte. Das wiederum bedeutet, dass sie abgenutzt sind und keine ausdrucksstarken Bilder beim Lesen erzeugen. Sie eignen sich nicht, um das Charakteristische eines Protagonisten zu zeigen, weil wir alle diese Gesten verwenden. Sie eignen sich weder um die Handlung voranzutreiben noch um Spannung aufzubauen.

Das Aneinanderreihen solcher Sätze – statt ein vereinzeltes Auftreten – spricht dafür, dass die Schreibenden wissen, dass man Dialoge auflockert, aber nicht wie man das macht. Deshalb nenne ich diese Sätze Lückenfüller: Man entscheidet sich für das, was einem als Erstes in den Sinn kommt. Aber das Erste ist nicht das Beste, es füllt nur eine Lücke.

Aufmerksamkeit heischende Begleitsätze

Das sind Begleitsätze, die gelehrt daherkommen:

„Das ist aber aufschlußreich“, konstatierte der vigilante Anwalt eloquent.

„Was sollte das denn?“, begehrte seine Lebensabschnittspartnerin zu wissen.

„Und dadurch fingen die Vorhänge Feuer“, rekonstruierte Herr Schneider mit analytischem Instinkt zielsicher den Unfallhergang.

Diese Begleitsätze sind oft umständlich, mit Fremdwörtern und gehobenen Ausdrücken gespickt und lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Statt den üblichen Verben sagen, fragen oder antworten stehen möglichst ungewöhnliche wie resümieren, elaborieren oder echauffieren.

Begleitsätze sollen die wörtliche Rede unterstützen, aber nicht die Aufmerksamkeit an sich reißen. Abgesehen davon reißen sie aus dem Lesefluss, weil man sich fragt: „Soll ich vigilant1aufmerksam jetzt nachschlagen oder ignoriere ich das einfach?“ Diese Begleitsätze wirken meist zu bombastisch für die wörtliche Rede, zu der sie gehören.

Verwenden kann man sie dagegen, wenn der Erzähler sich über jemanden lustig machen will:

„Das war blöd“, erhellte Lisa uns mit ihrer Weisheit.

Aber auch das verliert seine Wirkung, wenn es zu häufig eingesetzt wird.

Die Aussage der wörtlichen Rede wiederholende Begleitsätze

Manche Autor*innen scheinen zu befürchten, dass ihren Leser*innen die Bedeutung der wörtlichen Rede entgehen könnte. Um auf Nummer sicher zu gehen, schreiben sie einen Begleitsatz, der die Aussage noch einmal erläutert.

„Danke“, erwiderte sie mit einem dankbaren Blick.

Georgette Heyer: Heiratsmarkt

Oder:

„Nieder mit dem Kapitalismus!“ Birtes leidenschaftlicher Aufruf machte ihre politische Ansicht nur allzu deutlich.

Und was ist mit: „Oh ja!“ Rumo nickte.

Weil diese Doppelung unnötig ist, wir aber wissen wollen, wie Rumo auf Smeiks Frage reagiert, hat Walter Moers stattdessen klugerweise nur Rumo nickte geschrieben.

Die wörtliche Rede sollte eindeutig sein. Und wenn sie eindeutig ist, bedarf sie keiner Wiederholung im Begleitsatz. Denn diese ist dann nicht nur unnötig, sondern ruft auch Langeweile hervor. Wir bekommen schließlich etwas noch einmal präsentiert, was wir bereits wissen.

Fallen euch noch andere Arten von Begleitsätzen zur wörtlichen Rede ein, die man vermeiden sollte?

Ihr habt den ersten Teil verpasst? Dann klickt hier:

Im dritten Teil geht es mit den Begleitsätzen weiter, die Dialoge bereichern.

Ein Lektorat ist nicht günstig, aber ihr könnt es günstiger machen

Hilfe beim Lektorat von Manuskripten: Mein Regal mit Schreibratgebern

Hilfe beim Lektorat von Manuskripten: Mein Regal mit SchreibratgebernEin Lektorat bei freiberuflichen Lektor*innen kostet viel Geld.1Und anschließend kommt noch das Korrektorat. Je mehr an einem Manuskript zu tun oder je länger es ist, desto teurer wird es. Dennoch sollten alle Selfpublisher*innen, die professionell schreiben wollen, eins in Auftrag geben. Und das sage ich nicht, weil ich damit mein Geld verdiene, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass ihr davon profitieren werdet.

Wie können Schreibende nun dafür sorgen, dass der Preis für ein Lektorat günstiger ausfällt? Indem man bessere Manuskripte schreibt. Schön, aber wie erreicht man das?

Üben, üben, üben

Schreiben muss man lernen. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto besser wird man darin – wie das bei allen Tätigkeiten der Fall ist. Stephen Kings erster Ratschlag lautet, viel Belletristik zu lesen, insbesondere in dem Genre, in dem man selbst schreibt.2Stephen King: „Das Leben und das Schreiben“ Aber das allein reicht nicht. Man muss sich auch mit den Techniken des Schreibens auseinandersetzen, indem man Schreibratgeber liest und entsprechenden Websites und YouTube-Kanälen folgt. Und dann übt, es umzusetzen. Falls man das Geld und die Zeit hat, sind sie gewinnbringend in Fortbildungen und Studiengänge zum Schreiben investiert.

Das hört sich zwar nicht unbedingt günstig an, aber auf lange Sicht zahlt es sich aus. Entweder weil der Preis für das Lektorat sinkt oder weil im Lektorat für denselben Preis mehr Feinschliff gemacht werden kann.

Die erste Fassung ist fertig

Nachdem das Manuskript fertig ist, sollte man es einige Wochen weglegen und danach mit Distanz noch einmal durchlesen und überarbeiten. Wenn euch der Text fremd erscheint, habt ihr den nötigen Abstand. Jetzt werdet ihr selbst schon einige Patzer bemerken und es wird euch leichter fallen, liebgewonnene Szenen zu streichen, die aber keine Bedeutung für die Geschichte haben.

Danach sollte man das Ganze an einige Personen geben und um eine Rückmeldung bitten. Diese sollten folgende Kriterien erfüllen:

  1. Sie werden ehrlich ihre Meinung sagen, auch wenn die Kritik unangenehm ist.
  2. Sie sind begeisterte Leser*innen – am besten des Genres, in dem ihr schreibt – und haben deswegen Ahnung von guter und schlechter Literatur.
  3. Noch besser ist es, wenn sie sich mit dem Thema auskennen, um das es geht: Demenz, Quantencomputer, die erfolglose Monmouth Rebellion von 16853Falls ihr zufällig dazu jemanden sucht, bin ich eure Lektorin..

Testleser*innen findet man auch im Internet, z. B. auf lovelybooks oder Facebook. Ihr Feedback nutzt ihr, um euer Manuskript weiter zu verbessern, bevor ihr es in ein professionelles Lektorat gebt.

Ein teilweises Lektorat

Einige Lektor*innen machen Probelektorate von ein paar Seiten oder geben euch zumindest Tipps, nachdem sie in euer Manuskript geschaut haben. Was ihr dadurch lernt, könnt ihr schon vor dem Lektorat umsetzen, nicht nur auf den Probeseiten, sondern im gesamten Text.

Eine andere Möglichkeit ist, nur ein Lektorat der ersten Kapitel (ca. 50 Seiten) in Auftrag zu geben. Was euch dort geraten wird, wendet ihr ebenso auf das ganze Manuskript an … und auf alle folgenden.4Auch um seine Chancen, bei einem Verlag angenommen zu werden, zu verbessern, kann man ein Lektorat der ersten 50 Normseiten durchführen lassen. Die Lösung bietet sich an, wenn ihr nicht ausreichend Geld für ein komplettes Lektorat habt.5Falls es für euch schwierig ist, eine größere Summe auf einmal zu überweisen, fragt nach Ratenzahlungen. Ich z. B. akzeptiere sie. Dafür müsst ihr dann selbst mehr Arbeit hineinstecken. Andererseits übt ihr dann gleich wieder (s. o.), was dazu führt, dass das nächste Lektorat günstiger wird. 😉

Die Suche nach einer Lektorin/einem Lektor

Mir und auch vielen Kolleg*innen passiert es immer wieder, dass die Frage kommt, ob man direkt anfangen könne. Das kann klappen, Leerlauf kommt vor. Andererseits ist es möglich, dass ich für die nächsten zwei oder sechs Monate ausgebucht bin. Oder dass ich aus verschiedenen Gründen nicht die richtige Lektorin bin, z. B. weil ich keine Thriller annehme. Es ist daher sinnvoll, sich frühzeitig auf die Suche nach einer Lektorin oder einem Lektor zu begeben. Ihr findet uns z. B. über die Datenbank des VFLL oder indem ihr eine Anfrage über unsere Mailingliste stellt oder auf lektorat.de.

Egal, wer sich am Ende eures Manuskripts annimmt, wir sind alle glücklich, wenn wir eins auf hohem qualitativen Niveau erhalten und uns größtenteils nur um Feinschliff zu kümmern brauchen. Und ihr seid glücklich, weil das Lektorat günstiger ist, als erwartet.

Bessere Manuskripte schreiben durch

Allgemeine Schreibratgeber

Roy Peter Clarke: Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben

Sylvia Englert: So lektorieren Sie Ihre Texte. Verbessern durch Überarbeiten

Stephen King: Das Leben und das Schreiben

Sol Stein: Über das Schreiben

Außerdem existieren viele Ratgeber zu speziellen Themen wie Spannung, Erzählperspektive, Charaktere, Story Structure, bildhaftem Schreiben etc.

Das Internet ist wenig überraschend eine Fundgrube. Hier aus einem unermesslich großen Angebot fünf Links:

Helping writers becoming authors von K. M. Weiland

Schriftzeit von Stephan Waldscheidt

Annika Bühnemann

Writers helping writers von Angela und Becca

Writer Brandon McNulty

Oder möchtet ihr wissen, was andere Lektorinnen zum Schreiben zu sagen haben? Dann schaut doch mal bei meinen Kolleginnen Nina Firl und Anya Lothrop vorbei.

Fortbildungen und Studiengänge

Akademie für Autoren

Textmanufaktur

VFLL

Einen Köder schreiben – Praxisbeispiel Meuterei

Ihr habt unzählige Artikel, darunter auch meinen, gelesen, wie man Lesende am Buchanfang ködert, und kämpft trotzdem noch damit, einen spannenden Köder zu schreiben? Oder eure Lektorin sagt euch, das sei schon ein netter Versuch, aber …?

Ich habe dazu ein Beispiel aus meinem Lektorat mitgebracht, um zu zeigen, wie ich bei der Überarbeitung eines Köders vorgegangen bin, wie man Problemen auf die Schliche kommt und wie man sie beheben kann. Der Autor macht nämlich bei seinem schon einiges richtig – schießt aber doch knapp am Ziel vorbei. Was ist gut, was ist schlecht und wie lässt es sich verbessern? Auf geht’s.

Das Duell

Eine Piratin hält ein Schwert in der Hand, bereit für den KampfSoll dies mein Ende sein? Darüber machte sich Kapitänin Becky Moore in letzter Zeit immer öfter Gedanken.

Ist es nicht ehrenhaft, in einem Duell zu sterben? Doch als die Klinge ihres Kontrahenten wieder auf sie zuflog, hob sie ihren rechten Arm und der Schlag wurde abgewehrt. Ihr Gegner hatte zu viel Kraft in seinen Angriff gesetzt, er stolperte und Becky wich seitlich aus.

Dafür, dass er so schlecht kämpft, hatte er eine echt große Klappe.

Schauen wir uns zuerst an, was funktioniert.

Soll dies mein Ende sein?

Die Hauptperson schwebt offensichtlich in Lebensgefahr. Dadurch wird Spannung aufgebaut und Fragen aufgeworfen: In was für einer Gefahr schwebt sie? Wie wird sie ihr entkommen? Wird sie verletzt werden?

Ist es nicht ehrenhaft, in einem Duell zu sterben?

Im zweiten Absatz haben wir Bewegung. Bewegung vermittelt uns immer den Eindruck, dass etwas passiert. Es passiert sogar nicht irgendetwas, sondern die Hauptperson duelliert sich. (Genau genommen enthält der Satz noch keine Bewegung, aber wir schließen aus ihm, dass sie sich gerade duelliert.) Jetzt wissen wir, in welcher Gefahr sie sich befindet – meistens ist es eine gute Idee, am Anfang schnell konkret zu werden, weil es uns schneller in die Geschichte zieht. Und wenn sie sich fragt, ob das kein ehrenhafter Tod wäre, drängt sich die Vermutung auf, dass sie das Duell verlieren könnte.

Doch als die Klinge ihres Kontrahenten wieder auf sie zuflog, hob sie ihren rechten Arm […]

Aber obwohl es nicht gut für sie aussieht, hat sie noch nicht aufgegeben. Sie setzt sich zur Wehr. Damit hat der Autor mich auf seine Seite gezogen. Wir mögen aktive, entschlossene Protagonisten.

Der Fehler

Und jetzt kommt der Punkt, an dem die Spannung in sich zusammenbricht:

Dafür, dass er so schlecht kämpft, hatte er eine echt große Klappe.

Beckys Leben ist nicht ansatzweise gefährdet. Der Matrose weiß kaum, wie herum man einen Säbel anfassen muss. Mir wurde ein epischer Kampf versprochen und ich erhalte … nichts. Das ist es, was K. M. Weiland meint, wenn sie von Opening Lines That Lie To Readers spricht.

Ein Versprechen zu geben, das man nicht einlöst, frustriert Lesende. Sie fühlen sich betrogen. Und es gab bereits schon eine Stelle, an der der Autor sein Versprechen zumindest zu brechen schien. Gehen wir noch mal zu den ersten Sätzen:

Soll dies mein Ende sein?

Das Versprechen – der Köder – ist, dass Becky sich jetzt in großer Gefahr befindet.

Darüber machte sich Kapitänin Becky Moore in letzter Zeit immer öfter Gedanken.

Dieser Satz nimmt die Spannung wieder heraus. Der erste Satz hat bei mir die Annahme geweckt, dass die Geschichte mit einer actionreichen Szene startet. Aber im zweiten erfahre ich, dass Becky sich allgemein seit Kurzem häufiger Gedanken über den Tod macht. Jetzt bin ich verwirrt und frage mich: Sitzt Becky vielleicht einfach an ihrem Küchentisch und grübelt bei einem Glas Wein über ihr verpfuschtes Leben nach? Ich weiß nicht mehr, ob ich mich in einer lebensbedrohlichen Situation befinde oder nicht. Den Autor rettet, dass er in den nächsten drei Sätzen dann doch konkrete, actionreiche Handlung zeigt.

Und obwohl der erste Satz Spannung weckt, denke ich, dass man auch diesen besser ersetzen sollte. Denn er ist vage, wir erfahren zu wenig über die Situation, die ihr Ende sein könnte.

Die Meuterei

Wie könnte man stattdessen den Köder schreiben? Dafür kurz eine Zusammenfassung, was passiert ist: Auf Beckys Schiff bahnt sich eine Meuterei an. Die neuangeworbenen Matrosen sind mit der Erwartung an Bord gegangen, dass sie bei den Überfällen reiche Beute machen werden, aber in den Gewässern, die sie befahren, gibt es für Piraten nicht viele lohnende Ziele. Becky beschließt schließlich, gegen den Rädelsführer anzutreten, um ihre Autorität wiederherzustellen. Das erfahren wir alles in einer Rückblende.

Ich würde aus dieser Rückblende die erste Szene machen. Denn die Gefahr, die von den Matrosen ausgeht, ist real. Die Situation ist angespannt. Wenn Becky sich nicht schnell behaupten kann, besteht das Risiko, dass die Meuterei auf die ganze Mannschaft übergreift. So sah das beim Autor aus:

»Uns wurde Reichtum versprochen!«, hatte der Matrose noch vor ein paar Augenblicken gemurrt. Seine Stirn lag in Falten und sein Kopf war rot wie ein Feuerkrake. Der Geruch von Schnaps und Tabak umgab ihn.

»Aber nicht von mir. Wenn ihr den Märchen aus den Tavernen Glauben schenkt, dann gebt nicht mir die Schuld«, antwortete Becky. Ihre braunen Haare waren vom Regen durchnässt und klebten an ihrer silbrig-grauen Haifischlederweste.

»Ich habe bei einer Moore angeheuert, da dieser Name für satte Mägen und prall gefüllte Truhen steht!« Der Matrose drehte sich zu den anderen Frischlingen um. Seine Kameraden waren zurückhaltend, stimmten aber zu.

Das Schlimme an Lektor*innen ist, dass sie nie zufrieden sind. 😉 Machen wir also damit weiter, wie ich den Köder schreiben würde.

Der unzufriedene Matrose

Mir gefällt der Einstieg mit der wörtlichen Rede gut. Es ist gleich klar, dass sich ein Konflikt abspielt. Aber nur murren? Das erzeugt nicht genug Spannung. Zusätzlich flacht die Spannung durch die zwei folgenden Sätze ab, in denen der Matrose beschrieben, aber die Handlung nicht vorangetrieben wird. Der Matrose, der nach Schnaps und Tabak riecht, kommt einem Klischee außerdem schon recht nah. Und mit einem Betrunkener dürfte die Kapitänin eines Piratenschiffs ja wohl locker fertigwerden können. Wir brauchen mehr Gefahr.

„Ich habe bei einer Moore angeheuert, weil jeder weiß, dass der Name reiche Prise bedeutet!“ Einer der neuen Matrosen versperrte Becky den Weg, als sie das Deck der Seeschlange betrat. Die anderen Seeleute stellten ihre Arbeiten ein. Nur der Wind war noch zu hören, der durch die Segel strich.

Der Matrose beschwert sich jetzt nicht nur, er bedroht sie auch körperlich. Da die Aussagen, dass ihnen Reichtum versprochen wurde und der Name Moore für gut gefüllte Truhen (= Reichtum) steht, sich kaum unterscheiden, habe ich sie zu einer zusammengefasst.

Neben dem Köder, der uns in die Handlung hineinzieht, muss uns ein Anfang auch Orientierung bieten: Wo und wann sind wir, wer sind die handelnden Personen? Der Autor hat das berücksichtigt, als er sowohl den Matrosen als auch Becky beschrieben hat.

Warum habe ich das also herausgenommen? Nun ja, zum einen wird der Matrose (Spoiler!) bald tot sein, zum anderen hat Becky zwar gerade das Deck eines Schiffs betreten, aber ich fühle mich noch nicht wie auf einem. Daher habe ich lieber etwas gewählt, das den Schauplatz in den Blick nimmt.

Becky in Bedrängnis

Auch Becky wiederholt sich, wenn sie sagt, dass sie ihnen nie Reichtümer versprochen hat („Aber nicht von mir. […] gebt nicht mir die Schuld“). Und auch sie wird beschrieben, ohne es in die Handlung einzubinden. Neuer Versuch:

Ihre Hand legte sich um den rubinbesetzten Griff ihres Säbels. „Wenn ihr den Märchen aus den Tavernen Glauben schenkt, seid ihr selbst schuld.“

Beckys Säbel spielt im weiteren Verlauf noch eine große Rolle. Und alles, was wichtig wird, sollte so früh wie möglich angesprochen werden. Auch im eigentlichen Anfang kommt der Säbel ja vor.

Bei Becky hätte ich gern eine Beschreibung eingefügt, da sie die Hauptfigur ist. Momentan wissen wir, dass sie eine Hand und einen Säbel mit rubinbesetztem Griff hat und die Kapitänin sein muss. Sie bleibt insgesamt noch wenig greifbar. Mein Gefühl war aber, dass es Tempo herausnehmen würde, sie hier weiter zu charakterisieren. Ich würde das im vierten Absatz nachholen und schauen, ob es ausreicht, sie dort erst näher zu zeigen, oder ob ich doch hier einen Satz finden sollte.

Die Meuterei weitet sich aus

Der Matrose verschärft in der ursprünglichen Version den Konflikt, indem er noch einmal darauf pocht, dass sie sich etwas anderes unter Kaperfahrten mit einer Moore vorgestellt haben, und sich vergewissert, dass er den Rückhalt der anderen hat. Aber der letzte Satz über die Reaktion seiner Kameraden ist zu ungenau. Was bedeutet waren zurückhaltend, stimmten aber zu?

„Ist es auch ein Märchen, dass Ihr die besten Stücke in euren eigenen Taschen verschwinden lasst?“ Der Matrose drehte sich zu den anderen Frischlingen um, die langsam einen Halbkreis hinter ihm bildeten. „Das wüsste ich auch gern!“, rief eine hagere Frau, die einen Seeadler auf den Hals tätowiert hatte.

Der Konflikt eskalierte aus meiner Sicht am Anfang nicht stark genug. Daher habe ich massivere Vorwürfe eingefügt. Becky wird weiter in die Enge gedrängt und aus der gesichtslosen Masse, die zurückhaltend zustimmt, greife ich eine Frau heraus, um die Szene plastischer zu machen.

Das Gerücht, dass Becky ihrer Mannschaft Beute vorenthalte, habe ich vom Autor übernommen. Es kommt allerdings viel weiter hinten, wenn die Unzufriedenheit auf dem Schiff durch solche und weitere Gerüchte angeheizt wird. Dadurch müsste sich der Autor dort etwas anderes ausdenken, um den Konflikt voranzutreiben.

Der Autor legt noch einen Köder aus: Die Moores galten und gelten offensichtlich als gefürchtete Freibeuter. Aber Becky wird diesem Ruf nicht (mehr?) gerecht. Das macht mich neugierig: Wie ist es dazu gekommen?

Ein echter Kampf

Der Autor kann auch mit dem Kampf anfangen. Mein Rat wäre aber, aus dem sich selbst überschätzenden Matrosen einen echten Gegner zu machen und zwar unabhängig davon, ob der Kampf als Köder genutzt wird oder erst auf Seite 2 stattfindet. Denn wenn er sie in Bedrängnis bringt und die Stimmung im Verlauf des Kampfes dadurch vielleicht immer stärker zu seinen Gunsten kippt, entsteht Spannung.

Welche der beiden Szenen würdet ihr als Köder nehmen? Weckt bei euch der Satz „Soll dies mein Ende sein?“ dieselbe Erwartung wie bei mir? Und falls jemand sich inspiriert fühlt, selbst dazu einen Köder zu schreiben: Bitte in die Kommentare damit. 🙂

Vielen Dank an den Autor, der mir seinen Anfang zur Verfügung gestellt hat!

Wollt ihr wissen, wie ich an das Beitragsbild zu diesem Artikel gekommen bin? Dann lest

Schreiben oder plotten?

Plotten oder Drauflosschreiben? Eine Karte mit Stecknadeln gibt Orientierung.

Stephen King ist ein entschiedener Verfechter davon, die Geschichte während des Schreibens zu entdecken, Ken Follett und Syd Field sind entschiedene Verfechter davon, die Geschichte zu plotten. Auch ich bin schon gefragt worden, welche Einstellung ich vertrete.

Plotten? Drauflosschreiben? Das ist Typsache

Plotten oder Drauflosschreiben? Eine Karte mit Stecknadeln gibt Orientierung.Beides hat seine Vor- und Nachteile. Wenn man die ganze Geschichte schon vor dem Schreibprozess kennt, kann einem beim Schreiben langweilig werden oder man muss vieles umschmeißen, wenn einem beim Ausarbeiten neue, vielversprechendere Ideen kommen. Wenn man einfach drauflosschreibt, mäandert die Geschichte eventuell vor sich hin, sodass man am Ende sehr viel streichen muss, oder man landet in einer Sackgasse.

Ich finde daher nicht, dass es nur eine legitime Vorgehensweise gibt. Besser zu viel schreiben und später einige Kapitel streichen müssen, als gar nicht zu schreiben, weil das Plotten einem den ganzen Spaß daran nimmt. Und wenn man sich nun mal, ohne vorher zu plotten, ständig in den unendlichen Möglichkeiten verirrt, die eine Geschichte bietet, dann plant man eben alles im Vorhinein. Oder nutzt die Grauzone dazwischen – die Wendepunkte plotten, den Rest entdecken; die Hauptfigur, ihre Motivation und Ziel festlegen, aber wie sie dahinkommt, der Figur überlassen …

Aber das Verständnis für Story Structure sollte da sein

In beiden Fällen ist es nur wichtig, dass ein Verständnis für Story Structure an sich da ist. Denn auch wer intuitiv schreibt, achtet dann schon im Prozess darauf, eine Struktur zu entwickeln, merkt, wenn die Geschichte auf der Stelle tritt oder die Klimax zu überstürzt kommt.

Und egal ob man geplottet oder die Geschichte schreibend entdeckt hat, sollte man den ersten Entwurf auf seine Struktur überprüfen. Auch beim Plotten kann sich der Midpoint zu weit nach hinten verschieben, wenn Szenen davor zu lang geworden sind, und Vorausdeutungen können fehlen.

Lasst euch auf jeden Falll nicht einreden, dass es nur einen richtigen Weg gibt zu schreiben. Wir sind verschieden, warum sollte es also nur eine Methode fürs Schreiben geben, die für alle funktioniert? Solange am Ende eine spannende Geschichte herauskommt, ist es mir gleich, ob ihr sie beim Schreiben entdeckt oder vorher geplottet habt.

Die Schreibstrategien

Diesen August habe ich an dem großartigen Seminar „Der Plot in Romanen: Struktur visualisieren | Über den Plot sprechen“ von Dr. Eva-Maria Lerche teilgenommen. Thema war auch, dass wir bei einer Auftragsanfrage versuchen, zu klären, welche Schreibstrategie (auch als Schreibtypen bekannt) unser Gegenüber benutzt – das ist vor allem wichtig, wenn wir im Schreibprozess unterstützen sollen.

Frau Lerche hat uns vier Strategien vorgestellt:

  • Drauflosschreiben
  • Planen
  • Puzzeln
  • Versionen schreiben

Die ersten beiden habe ich in diesem Blogbeitrag betrachtet. Puzzler sind die, die beim Schreiben hin- und herspringen und immer dort arbeiten, wo es ihnen gerade Spaß macht. Andere schreiben verschiedene Versionen eines Abschnitts, bis sie damit zufrieden sind.

Eine ausführlichere Erklärung zu den Schreibtypen liefert Dagmar Knorr. Wenn ihr anschließend wissen wollt, welche Schreibstrategie die richtige für euch ist, macht den Test auf der Seite. Ich bin ein Architekten-Eichhörnchen.

Ihr wollt tiefer einsteigen? Bitte hier entlang

Eine gute Anleitung für entdeckendes Schreiben findet ihr bei Steven James „Story Trumps Structure“. Allerdings kann ich das Buch nur für Fortgeschrittene empfehlen, weil James davon ausgeht, dass seine Leser*innen mit Story Structure und der Drei-Akt-Struktur vertraut sind.

K. M. Weiland hat mehr Bücher zum Plotten geschrieben, als ich wahrscheinlich Artikel dazu verfassen werde. Auf ihrem Blog gibt es eine Serie zum Thema.

Story Structure: Köder mich!

Zwei Jungen gehen an einem sonnigen Tag einen Waldweg entlang.

Leser ködern: Zwei Jungen gehen an einem sonnigen Tag einen Waldweg entlang.Es gibt so viele Romane, Graphic Novels, Filme und Serien1und Blogartikel – wie entscheidet man sich nur, welchen man eine Chance gibt? Wenn wir – um bei Büchern zu bleiben – die erste Seite aufschlagen, müssen wir in die Welt hineingezogen werden. Wie wird das erreicht? Indem wir Leser ködern.

Was ist ein Köder?

Die klassische Definition spricht davon, dass der Köder uns neugierig macht und eine Frage aufwirft, die wir beantwortet haben wollen. Er erzeugt also Spannung.

Ein Köder ist aber mehr als nur ein gelungener Einstieg. Der Köder kann auch der Name des Autors oder der Autorin sein. Gebt mir einen Kurzgeschichtenband von Alice Munro, den ich noch nicht kenne, und ich nehme ihn mit. Ich muss nichts weiter wissen, um ihn lesen zu wollen.

Vor Kurzem habe ich „Tress of the Emerald Sea“ von Brandon Sanderson gelesen. Die ersten vier Seiten hat sich mir keine einzige Frage gestellt, die ich beantwortet haben wollte. Ich fand weder die Welt noch die Hauptfigur interessant. Der einzige Grund, aus dem ich drangeblieben bin, war, dass der Roman von Sanderson ist. Ich weiß, dass er ein großartiger Erzähler ist, und so war ich bereit, abzuwarten, und er hat mich nicht enttäuscht.2Falls ihr noch nichts von Sanderson gelesen habt, empfehle ich euch aber, mit anderen Romanen von ihm anzufangen: Die Nebelgeborenen-Trilogie, die Wax-und-Wayne-Reihe oder die Defiance-Reihe. Aber wäre es nicht Sanderson gewesen, hätte ich es wahrscheinlich weggelegt. Wer also keinen Kultstatus hat, sollte ausreichend Zeit darauf verwenden, für seine Leser Köder am Beginn auszulegen.

Cover, Titel, Klappentext, auch das sind Mittel, um Leser zu ködern, und sie reichen manchmal aus.3In meinem Fall reicht es auch, mir zu sagen: Das ist die Übersetzung einer chinesischen Webnovel … Zumindest dafür, dass wir das Geld in der Buchhandlung ausgeben oder das Buch in der Bibliothek entleihen.

Leser ködern mit dem ersten Satz

In Beispiele für gutes Schreiben sammeln hatte ich ein paar erste Sätze genannt, die mich ködern.

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.

Stephen King: Schwarz

Das sind die Fragen, die bei mir dazu aufkommen: Wer ist der Mann in Schwarz – ist er die Hauptperson? Wovor flieht er? Weiß er, dass der Revolvermann ihm folgt und flieht vor ihm? In welcher Absicht folgt ihm der Revolvermann – will er ihm helfen oder ihn gefangen nehmen/töten? Ist der Revolvermann der Protagonist oder der Antagonist? Die Wüste ist ein lebensfeindlicher Ort – wie werden die beiden ihn überleben? Warum nimmt der Mann in Schwarz den gefährlichen Weg durch die Wüste?

Das sind ziemlich viele Fragen für einen Satz – und damit ein guter Einstieg. Außerdem zeigt der erste Satz Bewegung. Eine dynamische Szene erzeugt bei uns das Gefühl, dass etwas passiert, und erscheint uns daher interessanter als eine statische.

Leser ködern mit den ersten Absätzen

Der Köder muss aber nicht im ersten Satz stecken. Fforde baut in „Eiswelt“ die Spannung langsam auf.

Mrs. Tiffen spielte Bouzouki. Nicht besonders gut allerdings. Und sie beherrschte auch nur eine Melodie: „Help yourself“ von Tom Jones. Sie zupfte die Saiten durchaus meisterlich, ließ aber jegliches Gefühl dabei vermissen, während sie mit leerem Blick aus dem Zugfenster auf das Eis und den Schnee draußen starrte. Sie und ich hatten, seit wir uns vor fünf Stunden das erste Mal begegnet waren, kein vernünftiges Wort gewechselt, und dafür gab es einen vernünftigen Grund. Mrs. Tiffen war tot, und das schon seit einigen Jahren.

Jasper Fforde: Eiswelt

An welcher Stelle hat es euch am stärksten getriggert, weiterzulesen? Ich tippe auf den letzten Satz, wie es bei mir der Fall war.

Wenn ein Erwachsener ein Musikinstrument spielt, gehe ich erst einmal davon aus, dass die Person es beherrscht – aber im zweiten und dritten Satz wird dem widersprochen. Ich ändere meine Vermutung dahingehend, dass sie Anfängerin ist.

Der nächste Satz verrät uns, dass sie technisch durchaus versiert ist, aber ohne Gefühl spielt. Ich frage mich daher: Okay, sie beherrscht dieses Instrument – wie ist es dann möglich, dass sie nur ein Lied spielen kann? Wieso spielt sie ohne Gefühl und mit leerem Blick? Hat sie vielleicht einen Schock erlitten? Aber das erklärt nicht, warum sie nur ein Lied spielen kann. Ein Zug ist außerdem ein unüblicher Ort, um ein Instrument zu spielen. Auch das erzeugt Neugierde.

Im nächsten Satz erfahren wir endlich, wer uns die Geschichte erzählt: Es ist ein Ich-Erzähler. Er begleitet sie offensichtlich, aber sie reden nicht miteinander, haben sich nicht einmal begrüßt. Das ist seltsam. Aber, verspricht uns der Erzähler, ich kann das erklären. Das ist der Punkt, an dem Fforde liefern muss, sonst verpufft die ganze aufgebaute Spannung, und er tut es. Die Auflösung zur Frage darf uns nicht enttäuschen, sonst legen wir das Buch an der Stelle weg.

Auch der versierte Umgang mit Sprache ist ein Köder

Ist euch außerdem aufgefallen, wie die Satzlänge bei „Eiswelt“ sich ändert? Die ersten beiden Sätze bestehen aus vier Wörtern, der dritte aus zwölf. Der vierte und fünfte Satz aus … sehr vielen. Das dient dazu, einen Sog zu erzeugen. Der letzte, sechste Satz ist dagegen wieder kurz, um den Schockeffekt zu verstärken. Wir folgen den langen Sätzen, erst dem dritten, dann dem vierten und fünften wie einem Fluss, der rasch dahinströmt, um dann gegen ein Hindernis zu prallen: Mrs. Tiffen war tot, und das schon seit einigen Jahren.

Wenn ich merke, dass der Autor so mit Sprache umgehen kann, ist auch das ein Köder: Der kann schreiben, da kann ich mich seiner Geschichte anvertrauen.

Der richtige Köder für jedes Genre

Was jemanden beeindruckt, kann mich kalt lassen. In die Luft fliegende Autos z. B. Der richtige Köder hängt daher auch von der Zielgruppe bzw. vom Genre ab. In einer Liebesgeschichte die Anspielung darauf, dass es romantische Verwicklungen geben wird:

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil

In einem Krimi lassen sich Leser eventuell durch die Entdeckung eines Mordes ködern:

„Gestern war er noch gesund“, sagte Maude. Ihre Ohren zuckten nervös.

„Das sagt gar nichts“, entgegnete Sir Ritchfield, der älteste Widder der Herde, „er ist ja nicht an einer Krankheit gestorben. Spaten sind keine Krankheit.“

Leonie Swann: Glennkill

Wobei der Köder hier mehr ist als der Mord, nämlich, wer den Mord entdeckt – eine Herde Schafe.

In einem Thriller können auf der ersten Seite Autos in die Luft fliegen, aber es reicht auch die Andeutung von Aufregung, Gefahr und Glamour:

Im Leben eines Geheimagenten gibt es Momente voller Luxus. Bei manchen Aufträgen muss er die Rolle eines sehr reichen Mannes spielen.

Ian Fleming: Leben und sterben lassen

Mag ich Humor? Dann ködern mich wahrscheinlich „Stolz und Vorurteil“ und „Glennkill“. Wer aber Fan von Hardboiled-Krimis ist, wird nach den ersten Sätzen merken, dass „Glennkill“ nicht das Richtige ist. Stehe ich auf Horror? Dann fängt mich ein düsterer Beginn ein. Der richtige Köder ist auch der richtige Ton und die richtige Stimmung je nach Genre. Ein James-Bond-Roman, der mit dem Satz aus „Stolz und Vorurteil“ anfängt, funktioniert nicht.

Genretypische Köder

Falls ihr viel Sherlock Holmes lest oder Star Trek schaut, ist euch vielleicht aufgefallen, dass es dort bestimmte Köder gibt, die öfter verwendet werden. Sherlock erhält einen Brief, der den Besuch eines Klienten ankündigt. Oder er beobachtet eine Frau vor der Baker Street 221B, die sich nicht entschließen kann zu klingeln. Manchmal ist es auch der Besuch selbst. Der echte Köder aber sind Sherlocks Beobachtungen über diese Personen, die er Watson mitteilt und unsere Neugierde schüren. Bei Star Trek geht oft ein Notrufsignal ein oder ein mysteriöses Phänomen soll näher untersucht werden. Obwohl diese Köder immer wieder benutzt werden, scheinen sie sich nicht abzunutzen.

Die Merkmale eines guten Köders

Wenn ihr herausfinden wollt, warum ein Anfang euch ködert, oder einen Anfang schreiben wollt, der Leser ködert, achtet darauf, ob eins der folgenden Merkmale erfüllt ist:

Neugierde wird geweckt: Wer ist die Frau, mit der der Junggeselle mit Vermögen verkuppelt werden soll?

Spannung wird aufgebaut: Wird der Revolvermann den Mann in Schwarz einholen und was geschieht dann?

Es wird Bewegung vermittelt: Der Mann in Schwarz flieht und der Revolvermann folgt ihm.

Eine ungewöhnliche Welt oder Personen werden vorgestellt: Eine Herde Schafe entdeckt ihren Schäfer morgens ermordet auf der Weide und beschließt, den Täter zu finden. Ob es ein Wolf war, neben dem Metzger das meistgefürchtetste Wesen unter Schafen?

Ein Widerspruch wird erzeugt: Wenn Mrs. Tiffen tot ist, wie kann sie dann Bouzoki spielen?

Vermieden werden sollten dagegen Beschreibungen alltäglicher Szenen, die langweilig sind – außer es gibt eine unterschwellige Spannung, das Gefühl, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Genauso wenig sollte die Situation zu Beginn aber dermaßen ungewöhnlich und unübersichtlich sein, dass die Lesenden sich nur eins fragen, nämlich: Was um alles in der Welt passiert hier?

Wie ihr seht, ist ein Köder viel mehr als das, was die klassische Definition beinhaltet.

Übrigens: Vom Köder wird nur am Anfang gesprochen, aber natürlich muss das ganze Werk von Ködern durchzogen sein, die uns immer weiter locken. Sobald eine Frage beantwortet ist, müssen sich neue stellen.

Ködern euch die von mir genannten Beispiele auch? Oder habt ihr selbst ein Beispiel?

Fun Fact

Das Bild zu diesem Blogartikel habe ich mit der KI DreamStudio generiert. Als Prompt hatte ich angegeben: „Zwei Kinder folgen einer Spur aus Süßigkeiten in einen Wald, strahlender Sonnenschein, Anime.“ Ihr könnt ja mal beurteilen, wie gut die Umsetzung dieser Beschreibung geklappt hat. 😉4Es ist viel besser als das Meiste, was ich bei anderen, kostenlosen KI-Programmen erhalten habe. Und weil mich das Thema so fasziniert hat, habe ich noch zwei eigene Artikel zur Bildgenerierung durch KI verfasst.

Zum zweiten Teil über das Schreiben eines Köders geht es hier.

Beispiele für gutes Schreiben sammeln

Ein Eichhörnchen bewacht einen Mini-Einkaufswagen mit Erdnüssen.

Wer gut schreiben will, muss viel lesen und viel üben. Ich finde aber auch, dass man viel sammeln muss. Sammeln? Genau, Beispiele dafür, wie man gut schreibt. Wieso muss ich an dieser Stelle lachen? Warum kann ich am Ende des Kapitels den Krimi nicht weglegen, sondern lese weiter? Weshalb habe ich das Gefühl, mich selbst auf der Brücke der Enterprise zu befinden? Wie machen die Autor*innen das nur? 

Eine Datei von 30 Seiten (wachsend)

Ein Eichhörnchen bewacht Erdnüsse in einem Einkaufswagen.Um dieses Mysterium zu lüften, habe ich mir eine Datei angelegt, in der ich Beispiele für gutes Schreiben sammele: lebendige Beschreibungen, treffende Metaphern, Köder, die die Leser*innen in die Geschichte ziehen, geschickte Vorausdeutungen, packende Emotionen etc. Diese nutze ich einmal für mich selbst, indem ich mir überlege, warum das Beispiel funktioniert. Ich nutze die Beispiele außerdem, um meinen Kund*innen zu verdeutlichen, wie sie pointierter, witziger, spannender … schreiben können. Aber auch für meinen Blog kann ich auf diesen Fundus nun zurückgreifen wie z. B. für den Artikel Story Structure: Köder mich. 🙂

Wann immer ihr auf einen fesselnden Buchanfang stoßt, schreibt ihn euch auf, überlegt, warum er euch fesselt und was ihr daraus für euer Schreiben oder Lektorieren lernen könnt. Und wenn ihr als Autor*in oder Lektor*in merkt, dass dem Anfang des Manuskripts die Spannung fehlt, dann könnt ihr zur Inspiration in eure gesammelten Beispiele schauen.

Beispiele gefällig?

Erste Sätze, die mich begeistern, sind z. B.

Die Stadt brannte. (Andrzej Sapkowski: Das Erbe der Elfen)

Gestern Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley. (Daphne du Maurier: Rebecca)

Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm. (Stephen King: Schwarz)

Wenn es um Beschreibungen sowie Vergleiche und Metaphern geht, sind meine Favoriten Georges Simenon, Alice Munro und Raymond Chandler.

Es regnete noch immer, noch immer dieser Nieselregen, der sich auf die Scheiben legte, stumm und trüb vom Himmel fiel, und einem das Gefühl gab, man lebe in einem Aquarium. (Georges Simenon: Maigret und die Aussage des Ministranten)

[…] obwohl das die Jahreszeit war, in der sich Schneewehen wie schlafende Wale um das Haus legten […] (Alice Munro: Jungen und Mädchen)

Der Verkehrslärm vom Boulevard kam in Wellen, wie Brechreiz. (Raymond Chandler: Lebwohl, mein Liebling)

Habt ihr eine solche Datei bereits? Oder habt ihr vor, jetzt eine anzulegen? Was sind für euch Beispiele für gutes Schreiben?

Es war einmal … und dann passierte … und so endete es

Ein Irrgarten aus grünen Hecken: Eine gute Story Structure hilft, der Handlung zu folgen.

Wie erzählen wir Geschichten? Wie bauen wir sie auf? Das Thema Story Structure lässt mich seit ein paar Jahren nicht mehr los. Wenn wir anderen von unseren Erlebnissen berichten, dann strukturieren wir diese Erzählung, auch wenn es uns nicht bewusst ist, und zwar immer wieder nach den gleichen Mustern. Von der Heldenreise haben sicher viele von euch schon einmal gehört, im Westen beliebt sind außerdem die Drei-Akt-Struktur und das Beat Sheet, im Osten herrscht die Vier-Akt-Struktur vor, in China als Qi Cheng Zhuan Jie, in Japan als Kishōtenketsu bekannt.

Diese Modelle mögen unterschiedlich sein, aber es gibt einige Gemeinsamkeiten. Bevor ich also Blogartikel über verschiedenen Modelle schreibe, möchte ich anhand dieser Gemeinsamkeiten erklären, was Story Structure ist.

Logischer Ablauf

Eine Insel ist wie der Schädel eines Tyrannosaurus Rex geformt, wobei der vordere Teil unter Wasser ist. Story Structure sorgt in einer Geschichte für Spannung.Bei der Errichtung eines Vergnügungsparks wird ein Arbeiter durch einen Dinosaurier tödlich verletzt. Daraufhin werden drei Wissenschaftler eingeladen, um dessen Sicherheit zu untersuchen. Die Tour verläuft zunächst nach Plan, aber dann legt der Informatiker, der für eine Konkurrenzfirma spioniert, den Park lahm, um Dino-Embryos zu stehlen. Die Dinosaurier brechen aus und alle Besucher der Insel kämpfen um ihr Leben. Es gelingt, die Computersysteme wieder ans Laufen zu bekommen. Die Überlebenden verlassen die Insel.

Romeo trifft Julia und verliebt sich unsterblich. Doch ihre Familien sind verfeindet und dürfen nicht von ihrer Liebe erfahren. Sie heiraten heimlich, aber Julias Familie will sie dazu zwingen, Paris das Ja-Wort zu geben. Julia täuscht ihren Tod vor, um dem zu entgehen. Romeo, den die Nachricht nicht rechtzeitig erreicht, dass es nur ein Scheintod ist, bringt sich an ihrem Grab um. Als Julia erwacht, findet sie den toten Romeo und erdolcht sich.

Fällt euch etwas auf? Geschichten werden typischerweise chronologisch erzählt. Aber warum? Damit die Zuhörenden, Zuschauenden oder Lesenden folgen können. Die Ereignisse sind in einer logischen Reihenfolge angeordnet, eins ergibt sich aus dem anderen. Geschichten müssen nicht chronologisch erzählt werden, aber die meisten tun es. Story Structure ist logischer und daher meist chronologischer Ablauf.

Fokussierung

Sowohl Romeo als auch Julia verbringen ihren Tag noch mit vielen anderen Dingen, als sich nach dem anderen zu sehnen und sich heimlich zu treffen. Auf dem Flug zum Jurassic Park haben alle eine Menge Zeit, sich zu unterhalten, aber wir bekommen davon nur ein paar Minuten Dialog mit. Die, in denen wir den dritten Wissenschaftler kennenlernen und seine Zweifel an dem Vorhaben.

Ein Irrgarten aus grünen Hecken: Eine gute Story Structure hilft, der Handlung zu folgen.Der Fokus liegt auf dem, was für die Handlung relevant ist. Vielleicht hat Ian Malcolm während des Flugs eine amüsante Geschichte über die letzte Konferenz, die er besucht hat, zum Besten gegeben, aber wenn diese Anekdote nichts mit der Handlung und dem Thema des Films zu tun hat, sorgt sie nur dafür, dass man sich fragt, worum sich die Geschichte drehen soll. In einer guten Story Structure sorgt der Schreibende dafür, dass der rote Faden nicht verlorengeht und leitet sein Publikum sicher vom Anfang zum Ende.1Für uns von westlich Geschichten geprägte Menschen kann es erscheinen, als wären asiatische Geschichten weniger fokussiert.

Spannung

Spannung erreicht man zum einen über Fokussierung – wer will schon wissen, was Julia jeden Morgen zum Frühstück isst, oder dreißig Minuten Alan Grant und Ellie Sattler dabei beobachten, wie sie ein Dinosaurierskelett ausgraben?

Story Structure ist, die Erzählung so anzuordnen, dass sie spannend ist: Dinge zu verheimlichen, Andeutungen zu machen, aber nicht aufzulösen, und immer wieder überraschende Wendungen einzubauen, die der Geschichte eine neue Richtung geben. Denn wenn wir das zwanzigste Mal sähen, wie der T-Rex plötzlich aus dem Wald hervorbricht und Alan Grant und die beiden Kinder jagt, ist es nicht mehr spannend, sondern langweilig. Story Structure ist daher, rechtzeitig etwas Unerwartetes passieren zu lassen, damit die Geschichte spannend bleibt.

Wendepunkte

Ohne den tödlichen Unfall zu Beginn gäbe es keine Sicherheitsüberprüfung des Jurassic Park. Ohne den Ausfall der Systeme im Park könnte der T-Rex nicht aus seinem Gehege entkommen, die Fahrzeuge der Besucher angreifen und einen netten Ausflug in einen Kampf ums Überleben verwandeln.

Als Romeo sich in Julia verliebt, gibt das seinem Leben eine Wendung. Als Julia erfährt, dass sie Paris heiraten soll, zwingt das die Liebenden, eine Entscheidung zu treffen. Sie können nicht weitermachen wie bisher.

Dieses Unerwartete, das das Leben der Protagonisten durcheinanderwirbelt, sind Wendepunkte und sie treiben die Handlung voran. Modelle zu Story Structure konzentrieren sich auf diese Wendungen. Ohne sie gäbe es keine Geschichte. Verliefe der Besuch des Jurassic Parks problemlos, bekäme das Vorhaben grünes Licht und er wäre im nächsten Jahr eröffnet worden. Wären die Familien von Romeo und Julia nicht verfeindet, hätte das Stück nicht mit ihrem Tod geendet. Wendungen müssen keine Probleme darstellen, sie können auch etwas Positives sein. Entscheidend ist nur, dass sie der Erzählung eine neue Richtung geben.

Ich hoffe, ich konnte damit ein grundlegendes Verständnis für Story Structure schaffen. Da mich Story Structure unglaublich fasziniert, werden zu diesem Thema wahrscheinlich mehr Artikel folgen als zu jedem anderen. Und die noch tiefer einsteigen und dabei selbst Gelegenheit zum Üben haben wollen, denen empfehle ich meine Fortbildungen dazu.

Wenn ihr euch fragt, ob ihr besser erst plottet und dann schreibt oder den Plot beim Schreiben entwickeln könnt, lest euch doch meinen Artikel dazu durch.