Story-Structure-Modelle: Freund oder Feind der Kreativität?

Ein aus mehreren würfelförmigen Kästen bestehendes Luxushaus mit Swimmingpool.

Schränken Story-Structure-Modelle nicht die Kreativität ein, weil sie einem vorschreiben, wie eine Geschichte erzählt werden muss? Story-Structure-Modelle können Kreativität behindern. Story-Structure-Modelle unterstützen Kreativität. Das hängt davon ab, wie man sie anwendet. Erstrebenswert ist zweiteres.

Ihr wisst nicht genau, was Story Structure ist? Dann lest am besten erst diesen Artikel:

Wir brauchen Vorlagen

Woran erkennen wir ein Auto, einen Pullover, ein Haus und wie halten wir sie mit einem Fahrrad, einem T-Shirt oder einem Zelt auseinander? Genau, wir haben eine Vorstellung, welche Merkmale diese Dinge besitzen müssen, um als Auto, Pullover oder Haus zu gelten. Ein Auto hat vier Räder und ein Fahrrad zwei, ein Pulli wärmt mehr als ein T-Shirt. Ein Haus hat Wände, ein Dach, Türen, Fenster und ist aus stabilem Material. Trotzdem können Häuser sehr unterschiedlich sein.

Drei sehr unterschiedliche Häuser: Zwei Häuser mit den für Paris typischen Fassaden, ein Luxushaus aus Quadern und ein Haus auf dem Land mit mehreren An- und Vorbauten.

Damit das, was man herstellt, ein Auto, ein Pullover oder ein Haus wird, stützen wir uns auf Vorlagen. Wir sagen nicht: Ein Auto oder ein Haus kriege ich auch hin, ohne zu wissen, was es dafür braucht. Ich will stattdessen meine Kreativität fließen lassen. Dann hat man am Ende ein Auto mit dem Motor auf dem Fahrersitz oder ein Haus ohne Badezimmer.

Mit Story-Structure-Modellen ist es genauso. Obwohl sie gewisse Vorgaben machen, damit das, was am Ende rauskommt, eine Geschichte ist, bedeutet das nicht, dass diese dadurch gleich sind. Modelle sind Vorlagen, die man an die Bedürfnisse der Geschichte anpasst. Die Gefahr der Vorhersehbarkeit besteht dabei, aber zum einen gibt es Wege, das zu verhindern, und zum anderen ist Vorhersehbarkeit nicht immer ein Nachteil.

Vorhersehbarkeit durch Story-Structure-Modelle vermeiden

Besonders in Hollywood-Komödien springt mir oft entgegen, dass sie nach dem Beat Sheet geplottet wurden. Für mich ist offensichtlich, wann was passieren wird, weil der Ablauf überdeutlich dargestellt wird. Die Wendungen überraschen mich nicht, dabei sollten sie es. Zum Glück gibt es Methoden, Vorhersehbarkeit zu vermeiden. 

Eine davon ist, die Ähnlichkeiten im Aufbau zu verschleiern, indem man dieselbe Station der Story Structure in verschiedenen Geschichten inhaltlich anders füllt. Als die auf der Isla Nublar festsitzenden Besucher den Stromgenerator neu starten, biegt Jurassic Park auf die Zielgerade ein. Als Baby Johnny ein Alibi für den Diebstahl gibt, setzt sie den letzten Akt von Dirty Dancing in Gang. Bei beidem handelt es sich um den zweiten Wendepunkt.

Eine andere ist, die Struktur so unterschiedlich zu gestalten wie die Häuser auf den Fotos. Das kann bedeuten: Steht in jeder Geschichte das auslösende Ereignis bei 12 %, der erste Wendepunkt bei 25 %, der Midpoint bei exakt 50%? Oder benutzt man diese Angaben nur als Orientierung? Hält man sich an die typische Reihenfolge der Story-Structure-Schritte? Oder ändert man sie so ab, wie es zur eigenen Handlung passt? Geschieht am auslösenden Ereignis das, was sonst am ersten Wendepunkt kommt?

Am besten aber schlägt man sein Publikum derart in den Bann der Geschichte, dass es gar nicht auf die Idee kommt, über die Struktur nachzudenken.1Nichts leichter als das, nicht wahr? 😉

Es muss außerdem nicht schlecht sein, wenn Erzählungen gleich aufgebaut sind. Denkt an eine Krimiserie wie Columbo. Wir wissen, wie die Handlung ablaufen und wie Columbo bei seinen Ermittlungen vorgehen wird. Und in dem Fall lieben wir die Vorhersehbarkeit.2Wenn wir darauf warten, dass Columbo an der Tür stehen bleibt, sich noch einmal umdreht und sagt: „Eine Frage hätte ich noch …“

Kreativ sein mit Story-Structure-Modellen

Wir haben Erwartungen an eine Geschichte, damit wir sie als Geschichte empfinden. Wir haben Erwartungen daran, was wann passieren sollte, selbst wenn uns das nicht bewusst ist. Wir werden ungeduldig, wenn die Hauptperson zu lange ohne Ziel durch die Handlung irrt. Wir sind enttäuscht, wahrscheinlich sogar wütend, wenn der Krimi vor der Klimax, vor der Enthüllung des Mörders endet.

Story-Structure-Modelle helfen, im Blick zu behalten, wann man Erwartungen (nicht) erfüllt. Sie helfen, stringent und gut nachvollziehbar zu erzählen, sodass man viele Leser*innen anspricht. Sie helfen, alles, was eine Geschichte benötigt, an den passenden Stellen unterzubringen. Wenn man ein Modell benutzt, hat man ein Gerüst, innerhalb dessen man sich ausprobieren kann.

Ihr wollt eine Geschichte schreiben, die viele erreicht? Ihr schreibt in einem Genre, in dem Abweichungen nicht gern gesehen werden? Oder ein Drehbuch für eine Serienfolge? Dann haltet ihr euch am besten enger3enger, nicht sklavisch! an ein etabliertes Modell wie die Drei-Akt-Struktur, das Beat Sheet oder die Heldenreise. Wenn ihr aber mit der Struktur experimentieren möchtet, bildet das Wissen über die Modelle eine Grundlage, von der aus ihr eigene kreative Ideen für eure Struktur entwickeln könnt. Aber eine Vorlage, ein Grundwissen, was eine Geschichte ausmacht, braucht ihr.

Soll ich plotten oder einfach drauslosschreiben? Das ist eine andere Frage, die viele Autor*innen umtreibt. Falls ihr mehr dazu wissen wollt, folgt dem Link zu meinem Artikel.

 

Warum KI-Übersetzungen menschliche (noch) nicht ersetzen können

Bild, auf dem verschiedene Übersetzungen von Hallo stehen

Wenn mein Mann und ich im Urlaub essen gehen, entscheiden wir uns manchmal spontan beim Umherschlendern für ein Restaurant. Manchmal recherchiere ich im Vorhinein. Da ich kein Spanisch kann, sah ich mir in Málaga die KI-Übersetzungen auf Google Maps an. Es dauerte nicht lange, bis mich Zweifel an der Genauigkeit der Übersetzungen beschlichen. Darum will ich jetzt erklären, warum ich nicht denke, dass KI-Übersetzungen so bald menschliche ersetzen werden.

Die Probleme mit KI-Übersetzungen

Was ist mir bei den Übersetzungen der Restaurantrezensionen aufgefallen? Das will ich an Bewertungen für ein Restaurant in Málaga und eins in London zeigen. Damit wollte ich testen, ob die KI mit Spanisch-Deutsch eventuell mehr Probleme hat als mit Englisch-Deutsch. Meine Annahme, dass Übersetzungen aus dem Englischen besser sind, hat sich nicht bestätigt.

Spanisch-Deutsch

Die erste aus Málaga zitiere ich komplett:

Ich war heute Nachmittag dort und als ich auf die Toilette gehen wollte, warf mir ein Mädchen, das wischte, ein sehr schlechtes Gesicht zu, als ich sie aufforderte, hereinzukommen. Ich fühlte mich so schlecht, dass ich ihm sagte, dass es nicht mehr passieren würde. Ihr Partner kam, um sich zu entschuldigen, aber sie rührte sich nicht einmal. Offenbar ist dies nicht das erste Mal, dass er Menschen so behandelt. Ich hoffe, dass sie etwas dagegen unternehmen, denn der Ekel in meinem Gesicht ist nicht normal. Der Mangel an Bildung, den er gezeigt hat, trübt die gute Arbeit, die seine Kollegen leisten.1Spanisches Original: He estado esta tarde y al querer pasar al baño, una chica que estaba pasando la mopa me puso muy mala cara cuando le pedi pasar. Me ha sentado tan mal que le he dicho que ya no iba a pasar. Vino a disculparse su compañero pero ella ni se movió. Por lo visto no es la primera vez que trata así a la gente. Espero que hagan algo al respecto porque no es normal la cara de asco que me ha puesto. La falta de educación que ha demostrado empaña el buen trabajo que hacen sus compañeros.

Wir sind uns, glaube ich, auch ohne Spanisch zu verstehen, einig, dass das keine korrekte Wiedergabe sein kann.

Bild, auf dem verschiedene Übersetzungen von Hallo stehenDas schlechte Gesicht, mala cara im Original, hätten menschliche Übersetzer*innen wahrscheinlich mit einen bösen Blick zuwerfen oder ein finsteres Gesicht machen übersetzt. Mit dem Partner muss ein Kollege gemeint sein. Die KI-Übersetzung entscheidet sich bei La falta de educación für den Mangel an Bildung. Educación kann zwar mit Bildung übersetzt werden, hier bedeutet es Erziehung oder Benehmen. Außerdem wählt die KI für das Mädchen die Pronomen er, ihm und einmal sie. Vielleicht interpretiert sie an der einen Stelle aber auch, der Kollege habe sich danebenbenommen, nicht das Mädchen.

Insgesamt ergibt die Rezension keinen Sinn. Oder versteht ihr, was dort eigentlich passiert ist? Ich nicht. Sollte eine spanischsprechende Person diesen Artikel lesen, wäre ich für eine nachvollziehbare Übersetzung in den Kommentaren sehr dankbar.2Genauso falls die Rezensentin sich tatsächlich unverständlich ausgedrückt hat.

Englisch-Deutsch

Die KI entscheidet sich auch im Englischen häufiger für den falschen Begriff wie hier:

Ich hatte ein Problem damit, dass der Manager sehr knapp war, als ich nach einem Detail auf der Rechnung fragte.3I had an issue with the manager being very curt when I asked about a detail on the bill.

Bei einer menschengemachten Übersetzung wäre aus dem sehr knapp ein kurzangebunden geworden, was in dem Zusammenhang curt am ehesten entspräche. Ebenfalls ist hier der englische manager nicht identisch mit dem deutschen Manager – gemeint hat der Rezensent wahrscheinlich den Geschäftsführer.

Jeder Kurs ist sorgfältig aufgebaut und präsentiert.4Every course is carefully constructed and presented.

Das ist wieder ein Beispiel dafür, dass die KI bei verschiedenen möglichen Übersetzungen nicht weiß, welche im Kontext die richtige ist. Ein course kann ein Kurs sein, aber in Bezug auf Essen ist damit ein Gang gemeint.

Es dauerte auch ewig, den Ort zu verlassen.5Getting out the place also took ages.

Im Englischen kann man restaurant mit place ersetzen, aber im Deutschen ist Ort als Synonym für Restaurant ungebräuchlich. Man versteht es, aber es klingt falsch. Die KI weiß das nicht und übersetzt wörtlich.

Ich habe mich diese Woche für das Chippie-Pop-up [Anm. ein Menü in dem Restaurant] entschieden, das sich kaum von der 5-Sterne-Bewertung von vor drei Jahren hätte unterscheiden können.6I went for the Chippie pop up this week, which couldn’t have been more different to the 5 star review from 3 years ago.

Die KI hat anscheinend Probleme mit der Bedeutung der Aussage. Der Rezensent stellt in Wahrheit fest, dass das heutige Chippie-Pop-up-Menü sich sehr stark von dem von vor drei Jahren unterscheidet.

Es wurde immer schlimmer, wenn die Rinderkeulenfüllung zu sehr mit Salz gewürzt war. 7It got progressively worse with the beef shin filling being over seasoned with salt.

Wonach richtet sich die KI, wenn sie eine Konjunktion auswählt? Wie kommt sie darauf, dass wenn passt? Ich wüsste es gern. Mit der Rinderkeulenfüllung, die total versalzen war, wurde es immer schlimmer. So könnte man das übersetzen.

Wir mussten den Kohl mit den Resten zurückschicken, weil der Koch wirklich viel Salz in den Teig der Reste gestreut hatte.8We had to send back the coley with scraps because the chef had really dropped the salt in the scraps batter.

Coley bedeutet Seelachs, Cole bedeutet Kohl. Wie kann der KI so ein Fehler passieren? Nach einiger Recherche habe ich auch herausgefunden, was mit scraps bzw. scraps batter gemeint ist. Es handelt sich nicht um Reste oder einen Teig der Reste, sondern um frittierten Teig, eine Beilage, die in England offenbar zu Pommes serviert wird. Der Seelachs wurde mit Beilage zurückgeschickt, weil die Beilage versalzen war. Und während wir in Deutschland zwar Salz streuen, wenn wir Gehwege schneefrei bekommen wollen, streuen wir Salz nicht ins Essen, sondern salzen es.

Es schmeckte, als käme es gerade aus dem Kühlschrank und als Essensreste.9It tasted like it had just come from the fridge and eating leftovers.

Dem englischen like entsprechen im Deutschen als und wie. Während das erste als stimmt, ist das zweite falsch. Aber auch: Es schmeckte, als käme es aus dem Kühlschrank und wie Essensreste, klingt nicht besonders elegant. Menschliche Übersetzende hätten vermutlich den ganzen Satz freier formuliert.

Das Schokoladen-Karamell-Dessert war insgesamt viel zu süß, um die anderen Aromen als den Zucker zu überdecken. Den oberen Teil des Schokoladendesserts zu essen war herrlich, aber die untere Karamellkeksschicht muss man aus den Zähnen kramen.10The chocolate caramel dessert overall was way to sweet that it masked the flavours other than sugar. Eating the top part of the chocolate dessert was lovely, but the bottom caramel biscuit layer is digging out your teeth.

Mit um entscheidet sich die KI wieder für die falsche Konjunktion und verändert den Sinn des Satzes. Das Dessert war zu süß, sodass der Zucker die anderen Aromen überdeckt hat. Im Original heißt es, dass die Karamellkeksschicht einem die Zähne zog, ich nehme an, weil sie so klebrig war. Mit aus den Zähnen kramen benutzt die Ki dann noch einen Ausdruck, den es im Deutschen nicht gibt.

Es gab keine Entschuldigung dafür, dass wir von einem jungen Kellner warten ließen.11There was no apology for keeping us waiting from a young waiter.

Richtig: Es gab von dem jungen Kellner keine Entschuldigung dafür, dass er uns warten ließ.

Ich war die ganze Nacht über durstig und trank Wasser. Es war schlimmer als eine Nacht mit Schüssen.12All throughout the night I was thirsty and drinking water. It was worse than a night out with shots.

Die wörtliche Übersetzung von shots finde ich besonders amüsant. Nein, liebe KI, es wurde nicht die ganze Nacht geschossen, der Rezensent war durstiger als nach einer Nacht, in der er zu viele Kurze gekippt hat.

KI-Übersetzungen von Websites

Im Internet sehe ich immer mehr automatisch übersetzte Artikel. Für mich ist das ein Zeichen von Unprofessionalität, wenn es einem egal ist, ob der Text in der Übersetzung natürlich klingt, lesbar und verständlich ist. Wenn man nicht bereit ist, Geld für eine gute, d. h. menschengemachte Übersetzung auszugeben. Oder zumindest eine Korrektur von einem Mitarbeitenden durchführen zu lassen.

Bei englischen Texten ziehe ich es vor, die Seite im Original lesen. Wenn jemand eine Sprache nicht (gut genug) beherrscht, kann man sich den Artikel immer noch im Browser übersetzen lassen. Aber ich hätte schon gern die Wahl, ob ich den Text im Original lese oder eine (schlechte) Übersetzung. Vor allem wenn für mich nicht erkennbar ist, wo ich den Originaltext finde.

Eine gruselige Vorstellung ist für mich auch, dass Menschen, die viele solcher KI-Übersetzungen lesen, irgendwann anfangen könnten, das für normales, richtiges Deutsch zu halten.

KI-Übersetzungen als Hilfe

Menschen machen sich Gedanken, ob der übersetzte Satz Sinn ergibt, die KI nicht. Menschen wägen ab, wie nah man wörtlich am Original bleibt und wann man davon abweichen muss, weil es eine Redewendung oder Metapher etc. in der Zielsprache nicht gibt. Die KI nicht. Menschen übernehmen nicht die Satzstruktur der Ursprungssprache, sondern schreiben so um, dass es in der Übersetzung natürlich klingt. Die KI nicht. Wird die KI das alles in den nächsten Jahren lernen? Vielleicht.

Ich bin sehr froh, dass es KI-Übersetzungen gibt, und benutze sie oft. Um Rezensionen von Restaurants oder Hotels zu lesen. Weil mich ein Wikipedia-Artikel interessiert, den es nicht in Deutsch oder Englisch gibt. Wenn ich nicht sicher bin, ob ich die in Französisch gestellte Aufgabe in meinem Französisch-Onlinekurs richtig verstanden habe. Und in vielen anderen Fällen.

Daher ist meine Empfehlung: Nutzt KI-Übersetzungen im privaten Umfeld. Braucht ihr aber eine professionelle Übersetzung, wendet euch an Profis, z. B. die vom Verband der Übersetzer (VdÜ).

Auch meine Kollegin Anya Lothrop hat in zwei Artikeln aufgeschlüsselt, woran es bei KI-Übersetzungen noch hapert.

Dafür, dass ich eigentlich keine Lust habe, mich mit KI zu beschäftigen, ist es erstaunlich, wie oft ich darüber schreibe.

Wer geht im Urlaub in Buchhandlungen in Málaga?

Die Buchhandlung Mapas y Compania ist mit vielen Globen und von der Decke hängenden Heißluftballons dekoriert

Ich gehe gern in Buchhandlungen. Auch im Urlaub in Málaga. Spätestens seitdem ich während meiner Workation in Montpellier vor zwei Jahren nach fremdsprachiger Literatur geforscht hatte, hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Was wird in anderen Ländern gelesen? Welche Genres sind dort beliebt? In welchen Sprachen werden Bücher angeboten? Welche deutschen Autor*innen werden übersetzt? Hier kommen die Impressionen, die ich in einer Woche Málaga gesammelt habe.

Was für Buchhandlungen gibt es in Málaga?

Wenig überraschend für eine Stadt mit fast 600.000 Einwohnern hat Málaga recht viele Buchhandlungen. Kleine und große, spezialisierte und breit aufgestellte. Die schönste davon war die Librería Mapas y Compañía1Calle Compañía, 33. Die kleine Buchhandlung hat sich auf Geografie, Reisen, Flora und Fauna spezialisiert, was man an der liebevollen Dekorierung gut sieht. Der Besuch lohnt sich allein wegen der Atmosphäre, selbst wenn man wie ich nur vier Wörter Spanisch beherrscht2holla, gracias, buenos días und bei den Büchern eher anhand der Cover erahnt, worum es geht. Dabei ist Mapas y Compañía keine Sachbuchhandlung. Auch Abenteuerliteratur wie die Reihe um Tintin – im Deutschen als Tim und Struppi bekannt – und Fantasy wie die Erdsee-Reihe von Ursula K. LeGuin ist vertreten. Insgesamt scheint Tintin in Spanien beliebt zu sein. Die Comics und Figuren habe ich häufiger gesehen.
Schaufenster und Eingang der Buchhandlung Mapas y Compañía in Málaga Die Buchhandlung Mapas y Compania ist mit vielen Globen und von der Decke hängenden Heißluftballons dekoriert
Bei der Librería Casa del Libro3Nueva, 5 dagegen handelt es sich um eine Kette. Entsprechend breit gefächert ist das Sortiment auf mehreren Etagen. Die Genres entsprechen dem, was ich auch aus Deutschland kenne. Begeistert hat mich die große Auswahl an Fantasy und Science-Fiction, insbesondere die vielen Bücher von Brandon Sanderson. Hier bin ich auch Angela Merkel begegnet.
Schaufenster und Eingang der Buchhandlung Casa del Libro in Málaga. Cover der spanischen Übersetzung von Angela Merkels Buch "Freiheit" in der Buchhandlung Casa del Libro.
Die Librerías Proteo y Prometeo4Calle Puerta Buenaventura, 3 ist relativ schlicht eingerichtet, geht über mehrere Stockwerke und hat eine breite Auswahl. Was mich überrascht hat, war die Abteilung LGTBQ+ im Erdgeschoss. Denn ich hatte Spanien als konservativ katholisches Land in Erinnerung. Dass ich in den ersten Tagen in der Innenstadt zwei Geschäfte gesehen hatte, die Heiligenfiguren verkaufen, hat diesen Eindruck erst mal nicht entkräftet. Desto mehr habe ich mich über die beiden Regale mit LGTBQ+-Büchern gefreut.
Schaufenster und Eingang der Buchhandlung Proteo Prometeo in Málaga Zwei Regale mit LGTBQ+-Literatur in der Buchhandlung Proteo y Prometeo
Buchantiquariate werden in Spanien offensichtlich auch Librerías genannt. Das fand ich heraus, als ich die Librería Re-Read5Calle Victoria, 27 betrat. Direkt am Eingang stehen rechts Regale mit französischen und deutschen Büchern6wobei sich zwischen den deutschen auch niederländische versteckten und links mit englischen. Solltet ihr also euren Urlaub in Málaga verbringen und günstigen Nachschub an Reiselektüre brauchen, ist Re-Read eure Adresse. Ihr dürft nur nicht die neuesten Bücher erwarten. In deutschen Antiquariaten bin ich es außerdem gewohnt, ständig über Bücherstapel zu stolpern. Bei Re-Read dagegen war alles ordentlich verräumt.
Schaufenster und Eingang der Second-Hand-Buchhandlung Re-Read in Málaga Die Regale mit französischen und deutschen Büchern in der Second-Hand-Buchhandlung Re-Read in Málaga

Allgemeine Eindrücke in der Kürze der Zeit

Ganz so viel Zeit zum Stöbern hatte ich nicht. Ich hatte nämlich einen Ehemann dabei, der in seinem Urlaub lieber etwas anderes machen wollte, als von einer Buchhandlung in die nächste geschleppt zu werden und mir dort zuzusehen, wie ich Regale fotografiere und mir Notizen zu Genres, Autor*innen und Werken mache. Was konnte ich in der kurzen Zeit also herausfinden?

Ein eigenes Regal für fremdsprachige Literatur scheint in Buchhandlungen in Málaga7oder in Spanien? nicht unbedingt typisch zu sein. Sowohl bei Proteo y Prometeo als auch bei Mapas y Compañía standen die fremdsprachigen Werke zwischen den spanischen. Entdeckt habe ich Englisch, Französisch und Deutsch. Die ersten beiden Sprachen hatte ich erwartet, Deutsch, auch wenn es weniger oft vorkam, Cover von "Malalga yel Mar" (Malaga und das Meer): Ein antikes Segelboot hält auf Land zu.allerdings nicht.

Ansonsten sind mir viele Autor*innen begegnet, die ich aus deutschen Buchhandlungen kenne: Dan Brown, Jane Austen, Ernest Hemmingway, J. R. R. Tolkien, Hannah Grace, Nora Roberts, Stefan Zweig, Stephen King, Agatha Christie, Haruki Murakami, Harper Lee … Von den beiden spanischen Schriftstellerinnen, die mir mehrmals auffielen, war mir Julia Navarro ein Begriff, Rosa Montero noch nicht.

Eine Ecke für regionale Literatur, insbesondere über Málaga, gab es in jeder Buchhandlung. Und ein Buch, „Málaga yel Mar“, war überall gut sichtbar ausgelegt. Das Dritte Reich und der Spanische Krieg waren zwei weitere Themen, die meist prominent platziert waren. Dazu passt, dass Hemingways Roman „Wem die Stunde schlägt“ über den Spanischen Bürgerkrieg angeboten wird.

Mein Eindruck ist, dass das Sortiment sich nicht so sehr von unserem unterscheidet. Statt deutscher Autor*innen finden sich logischerweise spanische. Aber die Genres und ihre Beliebtheit sind ähnlich. Eine spanische Buchhandelskette ist nicht groß anders als eine deutsche – funktional und mit massenkompatiblem Sortiment. Und die inhabergeführten können wie bei uns sehr gemütlich sein und zu stundenlangem Stöbern einladen, so wie Mapas y Compania.

Und ich tue das, weil …

Meinen Urlaub könnte ich natürlich anders verbringen als in Buchhandlungen. Mein Mann wäre mir sicher dankbar. Warum mache ich das also – außer um einen Blogbeitrag daraus zu erstellen? Weil ich den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus unheimlich spannend finde. Ob es sich um chinesische Fantasy oder Afrofuturismus handelt, Sachbücher über Japan oder das Angebot in spanischen Antiquariaten, ich möchte wissen, wofür man sich woanders interessiert und welche kulturellen Unterschiede es gibt.8Ich hätte auch gern die Nachrichten in Spanien verfolgt. Leider scheitert das an meinen Sprachkenntnissen. Dafür hilft es z. B., sich anzuschauen, was in Buchhandlungen im Ausland angeboten wird.

Worauf achtet ihr besonders im Urlaub? Was in den Schaufenstern der Buchhandlungen liegt? Wo man die besten Restaurants findet? Welche Kirchen man besichtigt haben muss?

Passende Begleitsätze zur wörtlichen Rede benutzen

Eine schwarz-weiße Katze liegt auf einer Mauer und blickt den Betrachter an.

Passende Begleitätze zur wörtlichen Rede können eine große Wirkung erzielen. Entscheidend dafür ist, dass sie originell und aussagekräftig sind und nicht zu sehr von der wörtlichen Rede ablenken. Besser noch: Wenn sie mit der Rede verbunden sind, sodass beides zu einem organischen Ganzen wird.

Ihr habt die ersten Teile der Reihe noch nicht gelesen? Ihr findet sie hier:

Schlichte Begleitsätze

Aber muss es unbedingt kreativ sein? Nein, man kann auch einfach schlichte Begleitsätze benutzen. Mit ihnen macht man selten etwas falsch. Sie helfen dabei zu erkennen, wer gerade redet, halten sich aber sonst im Hintergrund. Wenn es einem schwerfällt, spannende Begleitsätze zu entwickeln, oder man einen knappen Stil bevorzugt, ist es die bessere Wahl, bei sagte er, fragte ich zu bleiben.

Begleitsätze, die etwas über die Charaktere verraten

Was aber ist, wenn ihr in den Begleitsätzen mehr Informationen unterbringen wollt? Das sind einige Fragen, die ihr euch in dem Fall stellen könnt: Wie sehen eure Protagonisten aus? Was sind typische Aktionen für sie? Wie ist ihre Stimmung während des Dialogs?

Man kann dazu eigene Absätze schreiben, in denen ihr sie mit Größe, Alter, Augenfarbe, ihrem Schulabschluss und ihrer Einstellung zur Deutschen Bahn etc. vorstellt. Persönlich mag ich diese Art der Einführung von Protagonisten nicht so gern. Selbst dann nicht, wenn all das für die Handlung wichtig ist. Denn für den Einschub wird die Geschichte angehalten und Schwung herausgenommen. Eine andere Methode ist es, diese Informationen einzuflechten. Das geht so:

„Was ist das denn für ein Unsinn?“ Er stand auf, wobei er mit dem Bauch gegen die Tischplatte stieß, sodass die als Truppen dienenden Steine wackelten und hüpften. „Was sollte Vigri in Naarved machen, wenn es doch seine Aufgabe ist, Elvritshalla zu schützen?“

Tad Williams: Das Herz der verlorenen Dinge

Ihr haltet Herzog Isgrimnur, den „Er“ aus dem Begleitsatz, jetzt wohl eher nicht für den sportlichen Typen, oder? Es ist auch subtiler als: Herzog Isgrimnur war ein Mann mit einem mächtigen Bauch.

Was für einen Eindruck gewinnt ihr von Adéle?

Charaktere beschreiben durch Handlungen: Eine junge Frau schminkt sich die Lippen„Und Sie?“

Adéle schminkte sich gerade die Lippen.

„Ich …“ Ein exakt gezogener Bogen mit dem sattroten Lippenstift. „Ich …“ Ein Blick in den Spiegel. „… habe überhaupt nichts zu sagen. Alle Männer sind gemein.“

Georges Simenon: Maigret am Treffen der Neufundlandfahrer

Vom Lippenstift leiten wir ab, dass sie auch sonst Wert auf ihr Äußeres legt. Wir ergänzen Kajal, Rouge und eine modische Frisur.1Oder Wimperntusche, nachgezogene Augenbrauen und Stöckelschuhe. Durch ein Detail gelingt es Simenon, ein ganzes Bild der Person vor meinen Augen entstehen zu lassen.

Statt die Fragen von Kommissar Maigret zu beantworten, zieht Adéle es vor, ihren Lippenstift aufzufrischen. Das unterstreicht ihre mündlich geäußerte Ablehnung, mit ihm zu kooperieren. Ist das nicht viel aussagekräftiger, als wenn sie die Lippen zusammengepresst oder die Arme verschränkt hätte?

Voraussetzung für einen gelungenen Begleitsatz, der mir etwas über die Figuren verrät, ist, dass ich meine Charaktere kenne. Ich muss wissen, wie sie aussehen, handeln, sich bewegen, über sich selbst denken und auf andere wirken. Dann kann ich Sätze schreiben, die sie lebendig werden lassen.

Begleitsätze, die die Umgebung zeigen

Damit der Begleitsatz im Hintergrund bleibt, kann in ihm nicht zu viel von der Umgebung erwähnt werden. Es reicht für eine knarrende Holztreppe, die Sonne, die einem in die Augen scheint, den Duft von frischgebackenen Waffeln oder …

Eine schwarz-weiße Katze liegt auf einer Mauer und blickt den Betrachter an.Es gibt keine Teufel!“, schrie der Dichter und riss den Kater endgültig aus dem Schlaf. „Es gibt keine! Teufel existieren nicht, zum Teufel!“

Andrzej Sapkowski: Der Rand der Welt, in: Der letzte Wunsch

einen armen Kater, der nicht in Ruhe schlafen kann. Der Begleitsatz teilt uns nicht viel über den Schauplatz mit. Auch die Handlung treibt er nicht voran. Aber er macht die Szene anschaulich.

“Das ist das, was uns die Gemüseverschwörer weismachen wollen”, antwortete Uwe und stellte die leere Flasche auf dem breiten Handlauf der Reling ab.

Alexander Graff: Die Tintenfischfalle

Diese alltägliche Handlung sticht heraus, weil es eine ist, die selten gezeigt wird. Das Geheimnis von guten Begleitsätzen2und insgesamt gutem Schreiben ist nämlich, sich eine Szene genau vorzustellen und individuelle Details auszuwählen. In „Die Tintenfischfalle“ wird zusätzlich etwas wieder aufgegriffen, nämlich das Bier, das die beiden Männer an Bord des Schiffs gerade trinken. Zu Anfang des Gesprächs bringt Uwe die Bierflaschen mit, während des Gesprächs trinken sie daraus. Die Szene wird plastischer, indem sie Gegenstände einbindet, die bereits genannt wurden, und die Handlung fortführt – am Ende sind die Flaschen leer. Dadurch entsteht ein Gefühl von Kontinuität und Glaubwürdigkeit.

Begleitsätze, die Spannung aufbauen

Diese bieten sich besonders bei Konflikten und Androhung von Gewalt an.

„Ich sage es jetzt zum allerletzten Mal, Locke.“ Jean biss auf die Zähne und richtete den Bolzen mit ruhiger Hand genau auf die Stelle zwischen Lockes Augen. „Nimm den Finger vom Abzug und gib mir deine verdammte Waffe. Sofort.

Scott Lynch: Sturm über roten Wassern

Durch den Begleitsatz erfahren wir, dass Jean keine leere Drohung ausstößt. Er hat die Mittel – eine Armbrust -, um Locke zum Aufgeben zu zwingen. Das erhöht die Spannung.

Aber auch wenn einer der Gesprächspartner etwas zu verheimlichen hat oder sich seltsam verhält, kann dieser Eindruck durch passende Begleitsätze erzeugt oder verstärkt werden, wenn das Gesagte nicht mit der Gestik und Mimik des Sprechenden zusammenpasst.

Begleitsätze, die die wörtlichen Rede mit der Handlung verschränken

„Die Abendpost, Sir“, sagte er und überreichte Ackroyd das Tablett mit den Briefen.

Agatha Christie: Alibi

Ich finde das elegant. Ein unauffälliger Begleitsatz, der die wörtliche Rede aufgreift und ihr hinzufügt, wie Ackroyd die Briefe erhält. Wörtliche Rede und Inquit-Formel fließen ineinander, was einen angenehmen Leserhythmus bewirkt.

Der Begleitsatz im obigen Beispiel könnte auch weggelassen werden. Wir wüssten trotzdem, was passiert. Uns würde nur die zusätzliche Information fehlen, wie die Briefe übergeben werden. Im folgenden Zitat sieht das anders aus:

Tschick klappte die Sonnenbrille hoch, setzte sich auf den Fahrersitz und wühlte mit beiden Händen in den Kabeln rum: „Du musst das hier auf Dauerplus legen, die Fünfzehn auf die Dreißig. Da ist die dicke Klemme für.“

Wolfgang Herrndorf: Tschick

Ohne den passenden Begleitsatz wäre die wörtliche Rede nicht verständlich. Wir wüssten nicht, was man auf die Dauerplus legen soll. Beides zusammen vermittelt uns einen Eindruck, was Tschick tut.

Begleitsätze, die mehrere Funktionen erfüllen

Nun habe ich meine Begleitsätze so schön in Kategorien eingeteilt. Dabei können sie mehrere Funktionen erfüllen. Wir wissen durch den Begleitsatz aus „Das Herz der verlorenen Dinge“ nicht nur, wie Isgrimnur aussieht, sondern auch, dass er vor einem Tisch sitzt, auf dem er die Truppenbewegungen von Freund und Feind nachvollzieht. Tad Williams zeigt uns mit diesem Begleitsatz das Aussehen der Person, einen Teil der Umgebung sowie die Situation, es herrscht Krieg.

Für Adéle gilt dasselbe: Der Begleitsatz verrät nicht nur etwas über ihr Aussehen, sondern auch was sie typischerweise dabeihat (Lippenstift, Spiegel) und ihre Einstellung gegenüber Männern und der Polizei. Der Begleitsatz aus „Tschick“ verbindet nicht nur die Handlung mit der wörtlichen Rede, sondern wir erfahren auch, dass Tschick eine Sonnenbrille trägt.

Es ist ja auch logisch, das ein Begleitsatz nicht auf eine der Funktionen beschränkt ist. Oft lassen sich ganz natürlich mehrere in einem Begleitsatz vereinen. Generell solltet ihr unterschiedliche Arten von Begleitsätzen mischen, damit sie abwechslungsreich bleiben. Wenn immer nur weitere Details der Umgebung enthüllt werden, wirkt das bald eintönig.

Begleitabsätze

Meistens will man, dass der Fokus auf dem liegt, was gesagt wird, weshalb ich empfehle, nur ein, maximal zwei Sätze zwischen der wörtlichen Rede einzufügen. Manchmal jedoch steht dort ein ganzer Absatz oder mehr. Das Tempo des Dialogs sinkt dadurch, aber solche Absätze eignen sich gut, wenn das Gesagte nicht so wichtig ist wie das, was drumherum geschieht, was die Sprechenden denken oder wie sie sich verhalten.

In „Autorität“ von Jeff VanderMeer wird Spannung erzeugt, in dem ein Regierungsbeauftragter sich Methoden überlegt, wie er aus der Verhörten die Wahrheit herausbekommt, versucht, sie aus dem Konzept zu bringen und jede ihrer Reaktionen beobachtet und analysiert. Das nonverbale Katz-und-Maus-Spiel nimmt viel mehr Raum ein als die wörtliche Rede.

Auch bei einem Roman, der generell ein ruhigeres Tempo anschlägt, kann man mit Begleitabsätzen arbeiten. Oder bei einem Gespräch zwischen zwei Ehepartnern, die sich entfremdet haben und nicht wissen, worüber sie reden könnten. Oder bei einem Dialog zwischen schläfrigen Personen usw.

Was letztendlich zählt …

ist kreativ zu bleiben beim Schreiben. Nutzt die Charaktere, die Umgebung, die Atmosphäre, um passende Begleitsätze zur wörtlichen Rede zu schreiben. Stellt interessante Details heraus. Vermeidet den Rückgriff auf abgenutzte Begleitsätze. Je ungewöhnlicher oder unverbrauchter das Bild ist, das ihr benutzt, desto eher bleibt es bei Leser*innen hängen. Schon Kleinigkeiten reichen, um Geschichten lebendiger zu machen. Und da ein Dialog durchaus mal länger dauert, bietet er viele Möglichkeiten, nach und nach immer mehr Details zu ergänzen. So entsteht ein immer dichteres, aussagekräftigeres Bild der Szene. Auch hilfreich: Wenn im Satz eine Bewegung vorkommt, z. B. ein aufschreckender Kater. Selbst wenn nicht wirklich etwas passiert, allein die Bewegung erweckt den Illusion, es sei etwas passiert.

Ich möchte auch noch mal auf die Nützlichkeit hinweisen, Beispiele für gutes und schlechtes Schreiben zu sammeln. Die Zitate in den drei Beiträgen stammen größtenteils aus meiner Datei mit Beispielen. Die, die nicht daraus stammen, habe ich nun darin eingetragen.

Jirō Taniguchi: Meister des meditativen Mangas

Cover von Jirō Taniguchis "Der spazierende Mann". Ein Mann sitzt in einer Astgabel und schaut in den Himmel. Im Hintergrund eine japanische Kleinstadt.

Ist euch die Welt manchmal auch zu hektisch, zu laut, zu vereinnahmend? Habt ihr den Eindruck, nicht in euch zu ruhen? Sehnt ihr euch nach einer Oase des Friedens inmitten des Trubels? Dann sind die Mangas von Jirō Taniguchi (1947-2017) genau das Richtige für euch. Denn sie erinnern uns daran, im Hier und Jetzt zu leben.

Meditatives Spazieren mit Jirō Taniguchi

In „Der spazierende Mann“  tut ein Mann genau das, er geht spazieren. Auf seinen Spaziergängen liest er einen herrenlosen Hund auf, wird nassgeregnet, hilft Kindern, ihren Drachen von einem Baum zu holen, erklimmt einen Hügel, schließt Bekanntschaft mit einem Vogelbeobachter … Nichts davon ist spektakulär, denn Taniguchi richtet seinen Blick auf die kleinen Dinge, die uns im Alltag so oft entgehen. Wann seid ihr das letze Mal mit voller Aufmerksamkeit auf eure Umwelt spazieren gegangen? Habt dabei nicht aufs Handy geschaut, einen Podcast gehört oder über Probleme auf Arbeit nachgedacht? Jirō Taniguchis Protagonist aber geht spazieren und sonst nichts. Er nimmt die Welt um sich herum mit allen Sinnen wahr und es fühlt sich an, als würde ich an seiner Seite spazieren.

Cover von Jirō Taniguchis "Der Kartograph". Ein Mann und eine Frau sitzen in einem Boot und schauen nach oben.„Der Kartograph“1Meine Ausgabe heißt „Furari“, weil ich den Band auf Französisch besitze. geht ebenfalls spazieren, aber er hat ein Ziel. Es handelt sich nämlich um Inō Tadataka (1745-1818), der als Erster eine vollständige durch Messungen erfasste Karte Japans erstellt hat. Dafür ging er mit genau gleich langen Schritten bestimmte Strecken ab.

Bei Tanuguchi begleiten wir ihn durch die quirligen Straßen Edos2das heutige Tokio, auf eine Bootsfahrt im Mondschein mit seiner Frau, bei der sie den Sternenhimmel bewundern, beim Besuch eines Tempels, um für das Wohlergehen seiner Familie zu beten, oder wenn er sich vorstellt, wie die Welt wohl aus Sicht einer Libelle aussieht. Auch hier liegt der Fokus auf der genauen Wahrnehmung der Umwelt und den vielen kleinen, alltäglichen Geschichten. Den Nudelverkäufern am Straßenrand, den spielenden Kindern, dem wandernden Haiku-Dichter. Vor allem aber widmet er sich wieder der Schönheit und Faszination der Natur, ob es die Wolken am Himmel, die Kirschblüte oder ein Blick auf die andere Flußseite ist.

All diese Geschichten wären ohne seine Zeichnungen, die diese Szenen ausdrucksstark einfangen, nicht so beeindruckend. Minutenlang kann ich ein einziges Bild von einer von Glühwürmchen erhellten Nacht ansehen.

Aber die meditativen sind doch die besten

Falls ihr nicht so für Meditation zu haben seid, Jirō Taniguchi kann auch Geschichten mit „echter“ Handlung. Für „Die Schrift des Windes“, einem Manga über eine Familie von Samurai, hat er die Zeichnungen beigesteuert, „Ein Zoo im Winter“ ist ein halbautobiografisches Werk über den Weg eines jungen Mannes zum Mangazeichner und in „Vertraute Fremde“ findet sich ein Mann plötzlich als 14-jähriges Ich in seiner Vergangenheit wieder3wobei ich gestehen muss, dass ich letzteres von der Art der Zeichnungen schon wieder sehr meditativ finde.

Für mich aber sind seine meditativen Mangas der wahre Schatz. Wenn ich mich gestresst fühle, überfordert, unausgeglichen, dann schlage ich einen dieser Mangas auf und atme durch. Und alles ist gut.

Der Tee, der dem ersten Newtonschen Gesetz trotzt

Ein Glas Tee mit einem Stängel Minze steht auf einem Untersetzer aus Bast

Jetzt seid ihr bestimmt neugierig, was Newton mit Tee und dem Schreiben zu tun hat. Nun ja, das erste Newtonsche Gesetz beschreibt folgendes Prinzip:

Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern jener nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.

Anders ausgedrückt: Was sich erst mal in eine Richtung bewegt, bewegt sich weiter in diese Richtung, wenn es nicht durch andere Kräfte gestoppt wird. Oder wenn es sich nicht bewegt, bewegt es sich auch weiterhin nicht, außer es wird durch einen äußeren Umstand dazu gezwungen. Diese Naturgesetze müssen auch beim Schreiben beachtet werden, z. B. im Zusammenhang mit Tee.1Auch wenn wir dafür nicht wissen müssen, wie es heißt.

Was hat Newton mit Belletristik zu tun?

Ein Glas Tee mit einem Stängel Minze steht auf einem Untersetzer aus BastDer Typ ist groß und hat einen Seitenscheitel. In der einen Hand hält er einen Becher Tee […]

Eine halbe Seite später fällt dem Typen auf, dass er gerade die Person getroffen hat, die er gesucht hat. So verleiht er seiner Freude Ausdruck:

„Victoria Spring!“ Er reißt aufgeregt die Arme hoch.

Alice Oseman: Solitaire

Physik ist nicht meine starke Seite, aber eins weiß ich: Wenn ich eine Hand nach oben reiße, in der ich einen Becher mit Tee halte, dann spritzt der Tee an die Decke.2Oder eben: „Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern jener nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“ Und es befindet sich Tee in dem Becher, denn er trinkt wenig später daraus.

Vielleicht wollte die Autorin einen interessanten Begleitsatz zur wörtlichen Rede schreiben und nicht etwas wie Er schaut mich aufgeregt an. Sie hatte aber offensichtlich ihr Setup nicht gut im Blick.3Und ihr*e Lektor*in ebenfalls nicht. Die Szene ist dadurch nicht logisch, weil sich der Tee nicht an Newtons erstes Gesetz hält.

Wie vermeidet man solche Fehler, bei denen Naturgesetze gebrochen werden?

Die Naturgesetze beim Schreiben beachten

Einer meiner Autoren versetzt sich in seine Charaktere und nimmt die Umgebung mit allen Sinnen wahr. Er sieht das Meer von seiner Bank auf der Promenade, er spürt das raue Holz unter sich, hört die Rufe der Hafenarbeiter und riecht den Rosenstrauch neben sich. Er lässt die Szene aber auch weiterlaufen. Wenn hinter ihm eine Eisverkäuferin ihren Wagen entlangschiebt, übertönen ihre Rufe die der Hafenarbeiter und ein kühler Luftzug streift seinen Nacken. Auch dass ihr Ruf lauter ist und der Luftzug ihn kühlt, hat mit irgendwelchen Naturgesetzen zu tun.4Wer sich Fleißpunkte verdienen möchte, kann in die Kommentare schreiben, um welche es sich handelt. 😉

Ich denke, dieser Autor hätte im Blick gehabt, was passiert, wenn jemand einen Becher mit Tee nach oben reißt. Denn er hätte vor seinem inneren Auge durchgespielt, wie die Szene realistischerweise abläuft, und den Tee nach oben spritzen sehen.

Selbst bei Fantasy oder Science-Fiction müsst ihr die Naturgesetze beim Schreiben beachten. In den Welten dort mögen andere gelten als bei uns, aber auch dort gibt es welche. Wenn dort Tee im Becher bleibt, wenn man die Arme nach oben reißt, muss er immer im Becher bleiben. Er kann nicht in einer Szene auf einmal an die Decke spritzen.

Habt ihr noch andere Ideen, was man tun kann, um Problemen mit den Naturgesetzen auf die Schliche zu kommen?

PS: In dem Ausschnitt aus Solitaire versteckt sich noch ein weiterer Fehler. Woher weiß Victoria, dass sich in dem Becher Tee befindet, wenn der Typ mehrere Meter von ihr entfernt steht? Zur Perspektive – denn um einen Perspektivfehler handelt es sich hier – hat meine Kollegin Anya Lothrop einen Artikel veröffentlicht. Auch der Fehler wäre entdeckt worden, wenn man durch die Augen der Protagonistin geblickt hätte. So hätte man festgestellt, dass man den Inhalt des Bechers nicht sehen kann.

Welche Begleitsätze zur wörtlichen Rede du vermeiden solltest

Begleitsätze, die ihr vermeiden solltet: Eine junge Frau schläft auf einem Stapel Bücher, vermutlich nachdem sie zu viele davon gelesen hat

Im letzten Beitrag habe ich erklärt, was Begleitsätze zur wörtlichen Rede sind und welche es davon gibt. Heute mache ich mit den Begleitsätzen weiter, die man vermeiden sollte: den Lückenfüllersätzen, Aufmerksamkeit heischenden Begleitsätzen und solchen, die die Aussage der wörtlichen Rede wiederholen. Wie man erkennt, ob es sich um solche Sätze handelt, und warum man sie vermeiden sollte, erfahrt ihr jetzt.

Lückenfüllersätze

Was mir immer wieder auffällt – in Manuskripten, die ich bearbeite, aber auch in veröffentlichten Büchern – sind Begleitsätze wie:

„Lorem ipsum dolor sit amet“, sagte er, ohne sie anzuschauen.

Sie musterte ihn, sah weg, schaute ihn wieder an. „Consectetur adipisici elit.“

Er wich ihrem Blick aus. „Sed eiusmod tempor incidunt ut labore.“

Ihre Blicke trafen sich, bevor er zu Boden schaute.

Beliebt sind auch: nickte sie, er schüttelte den Kopf, sie ballte die Hände zu Fäusten, er zog die Schultern/Augenbrauen hoch, sie lächelte, er verschränkte die Arme.

Diese Sätze können ihre Berechtigung haben. Wenn jemand permanent Blickkontakt ausweicht, vermuten wir, dass er etwas zu verbergen hat. Dann wäre es allerdings kein Lückenfüllersatz mehr, weil es uns etwas über die Person verrät und Spannung aufbaut: Lügt sie? Wenn ja, warum? Oder scheut sie nur Blickkontakt?

Auch gegen Rumo nickte ist erst einmal nichts einzuwenden. Die Begleitsätze sollen schließlich nicht zu sehr vom Dialog ablenken. Was aus meiner Sicht aber gar nicht geht, ist: „Oh ja!“ Rumo nickte. Darauf komme ich gleich zurück.

Begleitsätze, die ihr vermeiden solltet: Eine junge Frau schläft auf einem Stapel Bücher, vermutlich nachdem sie zu viele davon gelesen hatIhr habt vielleicht schon gemerkt, warum Sätze wie er presste die Lippen zusammen, sie lächelte, er runzelte die Stirn langweilig sind. Es handelt sich um Gestik und Mimik, die wir hundertfach verwenden. Daher fallen sie einem direkt ein, wenn man überlegt, was man Charaktere tun lassen könnte. Das wiederum bedeutet, dass sie abgenutzt sind und keine ausdrucksstarken Bilder beim Lesen erzeugen. Sie eignen sich nicht, um das Charakteristische eines Protagonisten zu zeigen, weil wir alle diese Gesten verwenden. Sie eignen sich weder um die Handlung voranzutreiben noch um Spannung aufzubauen.

Das Aneinanderreihen solcher Sätze – statt ein vereinzeltes Auftreten – spricht dafür, dass die Schreibenden wissen, dass man Dialoge auflockert, aber nicht wie man das macht. Deshalb nenne ich diese Sätze Lückenfüller: Man entscheidet sich für das, was einem als Erstes in den Sinn kommt. Aber das Erste ist nicht das Beste, es füllt nur eine Lücke.

Aufmerksamkeit heischende Begleitsätze

Das sind Begleitsätze, die gelehrt daherkommen:

„Das ist aber aufschlußreich“, konstatierte der vigilante Anwalt eloquent.

„Was sollte das denn?“, begehrte seine Lebensabschnittspartnerin zu wissen.

„Und dadurch fingen die Vorhänge Feuer“, rekonstruierte Herr Schneider mit analytischem Instinkt zielsicher den Unfallhergang.

Diese Begleitsätze sind oft umständlich, mit Fremdwörtern und gehobenen Ausdrücken gespickt und lenken die Aufmerksamkeit auf sich. Statt den üblichen Verben sagen, fragen oder antworten stehen möglichst ungewöhnliche wie resümieren, elaborieren oder echauffieren.

Begleitsätze sollen die wörtliche Rede unterstützen, aber nicht die Aufmerksamkeit an sich reißen. Abgesehen davon reißen sie aus dem Lesefluss, weil man sich fragt: „Soll ich vigilant1aufmerksam jetzt nachschlagen oder ignoriere ich das einfach?“ Diese Begleitsätze wirken meist zu bombastisch für die wörtliche Rede, zu der sie gehören.

Verwenden kann man sie dagegen, wenn der Erzähler sich über jemanden lustig machen will:

„Das war blöd“, erhellte Lisa uns mit ihrer Weisheit.

Aber auch das verliert seine Wirkung, wenn es zu häufig eingesetzt wird.

Die Aussage der wörtlichen Rede wiederholende Begleitsätze

Manche Autor*innen scheinen zu befürchten, dass ihren Leser*innen die Bedeutung der wörtlichen Rede entgehen könnte. Um auf Nummer sicher zu gehen, schreiben sie einen Begleitsatz, der die Aussage noch einmal erläutert.

„Danke“, erwiderte sie mit einem dankbaren Blick.

Georgette Heyer: Heiratsmarkt

Oder:

„Nieder mit dem Kapitalismus!“ Birtes leidenschaftlicher Aufruf machte ihre politische Ansicht nur allzu deutlich.

Und was ist mit: „Oh ja!“ Rumo nickte.

Weil diese Doppelung unnötig ist, wir aber wissen wollen, wie Rumo auf Smeiks Frage reagiert, hat Walter Moers stattdessen klugerweise nur Rumo nickte geschrieben.

Die wörtliche Rede sollte eindeutig sein. Und wenn sie eindeutig ist, bedarf sie keiner Wiederholung im Begleitsatz. Denn diese ist dann nicht nur unnötig, sondern ruft auch Langeweile hervor. Wir bekommen schließlich etwas noch einmal präsentiert, was wir bereits wissen.

Fallen euch noch andere Arten von Begleitsätzen zur wörtlichen Rede ein, die man vermeiden sollte?

Ihr habt den ersten Teil verpasst? Dann klickt hier:

Im dritten Teil geht es mit den Begleitsätzen weiter, die Dialoge bereichern.

Begleitsätze zur wörtlichen Rede

Zwei Meisen unterhalten sich an einer Vogeltränke

Ihr habt sicher schon oft Tipps dazu gesehen, wie man glaubwürdige Dialoge schreibt. Aber wie steht es mit Ratschlägen zu den Sätzen, die die wörtliche Rede begleiten? Diese Begleitsätze sind keine reine Dekoration, sondern erfüllen eine wichtige Funktion. Sie können eine Menge dazu beitragen, eine Geschichte interessant zu gestalten, und man sollte die Möglichkeiten nutzen, die sie bieten. Darum solltet ihr auch ihnen viel Aufmerksamkeit widmen.

Was ist ein Begleitsatz zur wörtlichen Rede?

Zwei Meisen unterhalten sich an einer Vogeltränke„Hat Poirot noch nach anderem gefragt?“, erkundigte ich mich.

Agatha Christie: Alibi

Bei erkundigte ich mich handelt es sich um einen solchen Satz, genau wie bei sagte er, antworteten sie etc. Das ist die kürzeste Form.

Das ist eine längere Version eines Begleitsatzes mit zusätzlichen Informationen:

„Die Abendpost, Sir“, sagte er und überreichte Ackroyd das Tablett mit den Briefen.

Agatha Christie: Alibi

Begleitsätze, die mit einem Verb des Sprechens an die wörtliche Rede angehängt sind, werden auch Inquit-Formel genannt.

Aber der Begleitsatz muss nicht an eine wörtliche Rede angeschlossen sei, er kann einen selbstständigen Satz bilden wie hier:

„Bist du bereit, die größte und älteste Geschichte Zamoniens zu hören, mein Sohn?“

Rumo nickte.

„Sie ist Milliarden von Jahren alt.“ Smeik wedelte dramatisch mit seinen vierzehn Armen.

Walter Moers: Rumo und die Wunder im Dunkeln

Rumo nickte ist ein Begleitsatz zur wörtlichen Rede, genau wie Smeik wedelte dramatisch mit seinen vierzehn Armen.

Die Relevanz von Begleitsätzen

Es gibt viele Gründe, Dialoge in Begleitsätze einzubetten. Sie sorgen dafür, dass ein Roman nicht wie ein Theaterstück wirkt, indem sie die wörtliche Rede auflockern. Dafür, dass man weiß, wer redet, vor allem dann, wenn mehr als zwei Personen sprechen. Oder sie vermitteln Kontext: Wo und wann spielt das Ganze? Was ist das für eine Person, die da spricht? Was passiert währenddessen drumherum? Die Sätze können das Gesagte auch konterkarieren, wenn die Mimik und Gestik der Sprecherin etwas anderes auszudrücken scheinen als ihre Worte.

Jetzt enthält ein Roman normalerweise viele Dialoge – wie soll man da nur lauter bedeutungsvolle Begleitsätze finden? Das ist zum Glück nicht nötig. Oft reicht ein einfaches sagte er oder fragte sie, sonst können die Begleitsätze zu sehr von der wörtlichen Rede ablenken. Es geht also auch darum, zu entscheiden, wann man welche Art von Begleitsatz wählt. Das führt uns zur nächsten Frage: Was für Begleitsätze zur wörtlichen Rede gibt es?

Die Arten von Begleitsätzen

Ich unterscheide verschiedene Arten von solchen Sätzen:

  • schlichte Begleitsätze
  • Aufmerksamkeit heischende Begleitsätze
  • Lückenfüllersätze
  • die wörtliche Rede wiederholende Begleitsätze
  • Begleitsätze, die etwas über die Charaktere mitteilen
  • Begleitsätze, die die wörtlichen Rede mit der Handlung verschränken
  • Begleitsätze, die die Umgebung/Atmosphäre zeigen
  • Begleitsätze, die Spannung aufbauen

Dass Smeik beim Geschichtenerzählen dramatisch mit seinen vierzehn Armen wedelt, kann ausdrücken, dass er gern im Mittelpunkt steht oder dass er Freude daran hat zu erzählen (und wie er aussieht, falls wir noch nicht wussten, dass er vierzehn Arme besitzt).

Dass eine Person Ackroyd seine Briefe auf einem Tablett bringt, sagt uns einmal, dass es sich bei der Person um einen Bediensteten und bei Ackroyd um einen wohlhabenden Mann handelt, der sich sowohl Bedienstete als auch einen gehobenen Lebensstandards leisten kann1Oder besitzt ihr Tabletts für eure Post?.

Und sagte er ist ein schlichter Begleitsatz, einer ohne unnötigen Schnickschnack.

Ihr wollt mehr darüber wissen? Was es genau mit den verschiedenen Arten auf sich hat, wann man welche einsetzt und welche man meiden sollte? In den nächsten Wochen und Monaten werde ich weitere Beiträge dazu veröffentlichen.

 

Alice Munro (1931-2024): Eine Würdigung

Gorßeltern sitzen mit ihren Enkeltöchtern auf einer Veranda

Alice Munro, die kanadische Schriftstellerin, Meisterin der Kurzgeschichte, Literaturnobelpreisträgerin von 2013, ist tot. Sie ist am 13. Mai gestorben. Geschrieben hat sie seit 2012 nicht mehr und das war ihr gutes Recht, sie war damals schon über achtzig. Aber was sie hinterlassen hat, ist ein Werk, das einzigartig ist.

Gorßeltern sitzen mit ihren Enkeltöchtern auf einer VerandaAlice Munros Protagonisten sind meistens Frauen. Frauen stehen meist auch im Mittelpunkt ihrer Geschichten. Familien. Das Zwischenmenschliche. Ihre Geschichten handeln von der Ablösung von den Eltern, der Unsicherheit der Pubertät, dem Scheitern von Ehen, dem Zurechtkommen mit Erwartungen, die die Gesellschaft an Frauen stellt, dem Hineinwachsen in die Mutterrolle, oft auch über Verlust – das alles und viel mehr waren ihre Themen. Diese Themen schweben vor allem im Ungesagten, zwischen den Zeilen, den Wörtern. In ihren Geschichten passiert häufig nichts Dramatisches, sie schildert Alltäglichkeiten. Das war ihre große Kunst: Einen die Dinge fühlen, erfahren zu lassen, ohne sie zu sagen.

Eine weitere große Kunst ist, wie sie eine Stimmung, einen Ort, eine Zeit einfangen kann; die Schläfrigkeit eines heißen, drückenden Sommertags, die klirrende Kälte eines kanadischen Wintermorgens, den Geschmack von reifen Himbeeren, die man sich von einer Hecke gepflückt hat. Sie fängt Sinneseindrücke ein und entwirft Metaphern, die einen unmittelbar hineinversetzen.

Kunst ist auch, wie sie ihre Kurzgeschichten erzählt. Sie widersetzen sich der traditionellen Struktur, starten in der Mitte oder am Ende, entrollen sich mal rückwärts, mal vorwärts, mal beides, setzen die Geschichte in Bruchstücken zusammen, bis man ein Bild erhält.

Ihre Kunst zeigt sich in ihren häufig offenen Enden, die Lesende animieren, den Gefühlen nachzuspüren, mit denen ihre Protagonistinnen und wir die Geschichte verlassen. Der Frage, wie ihr Leben weitergehen kann und wird.

Für mich ist Alice Munro eine der größen Schreibenden des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Ich bin sicher, dass ihr Einfluss noch lange anhalten wird.

11 Klassiker der Literatur, die man lesen muss

Alte Bibliothek mit Stuckdecke und marmornen Säulen.

Oder auch nicht. Ganz wie ihr wollt. Aber wenn ihr beim Lesen Spaß haben wollt und euch für Klassiker der Literatur interessiert, habe ich elf Tipps für euch. Denn es gibt sie, die Klassiker, die sich immer noch gut lesen lassen.

Wenn euch meine Empfehlungen nicht reichen, in seinem Essayband „Books and You“ hat W. Somerset Maugham seine Favoriten zusammengestellt und betont dabei ebenfalls, dass das Lesen Vergnügen bereiten solle, weshalb er auch nur die aufgenommen hat, die ihm gefallen haben.1Worunter sich allerdings Werke wie „Krieg und Frieden“ finden, von dem ich nur abraten kann. Aber Lesbarkeit und Vergnügen sind eben auch subjektive Kriterien.

Was war das noch mal, ein Klassiker?

Ein Klassiker ist ein Werk, das

  • ein zeitloses Thema2z. B. die große Liebe verlieren, Loyalität versus dem eigenen Gewissen folgen etc. auf eine Art und Weise behandelt, dass wir heute noch davon berührt werden,
  • Generationen von Menschen, insbesondere Schriftstellern, beeinflusst hat,
  • ein Genre wesentlich geprägt hat, durch seinen Inhalt oder einen innovativen, neuen Stil und seine Sprache,
  • uns lebendige Einblicke in eine vergangene Zeit gibt.

Klingt doch eigentlich nicht schlecht. Warum liest man Literaturklassiker meistens trotzdem nur gezwungenermaßen in der Schule? Die Antwort findet ihr hier:

Wer legt fest, auf welche Werke diese Kriterien zutreffen? Wer bestimmt, ob ein Buch zur Weltliteratur zählt oder „nur“ ein Klassiker der deutschen Literatur ist? Verlage? Literaturkritiker? Ein Komitee aus Buchlingen? Leider gibt es weder ein Komitee noch einen verbindlichen, von diesem beschlossenen Kanon der Klassiker, in dem man nachschlagen kann.

Aber wie alt ein Roman sein muss, um zu den Klassikern zu gehören, das kann man doch sagen, oder? Ab wann sich feststellen lässt, ob er wesentlichen Einfluss auf unsere Kultur hat? Für Penguin reichen bereits wenige Jahre, um als moderner Klassiker zu gelten.

Meine Vorschläge dagegen enden in den 1920ern. Nicht, weil ich glaube, dass man erst nach hundert Jahren sagen kann, was zu den Klassikern der Literatur zählt. Sondern weil einige der Gründe, aus denen wir uns mit Klassikern schwertun, mit Beginn des 20. Jahrhunderts verschwinden. Die langatmigen Beschreibungen und unwesentlichen Abschweifungen werden seltener und auch die Sprache wandelt sich, wird moderner. Ich will euch aber vor allem die älteren schmackhaft machen, bei denen man befürchtet, sich durchzuquälen.

Meine Tipps

Alte Bibliothek mit Stuckdecke und marmornen Säulen.Gotthold Ephraim Lessing: „Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück“ (1767)

Dem Theaterstück merkt man sprachlich das Alter an, aber witzig ist es immer noch. Minna von Barnhelm reist ihrem Verlobten Major von Tellheim nach Berlin hinterher, da sie seit Monaten nichts von ihm gehört hat. Zwar findet sie ihn, aber er möchte die Verbindung lösen, weil ihm Bestechlickeit im Amt vorgeworfen wird, und lehnt jede Hilfe von ihr als auch von Freunden ab. Sie ersinnt eine unterhaltsame Intrige, um ihn umzustimmen, die beinahe nach hinten losgeht.

Kostenlos lesen bei Projekt Gutenberg.

Jane Austen: „Stolz und Vorurteil“ (1813)

Ein Buch, das – wie weitere auf dieser Liste – eigentlich keine Vorstellung braucht. Die stolze Elizabeth Bennett und der hochmütige Fitzwilliam Darcy müssen beide lernen, ihre Vorurteile abzulegen und über andere nicht zu urteilen, bevor sie zueinander finden können.

Kostenlos lesen auf Deutsch bei Projekt Gutenberg (Übersetzung von 1830) oder auf Englisch bei Project Gutenberg.

 Charles Dickens: „Eine Weihnachtsgeschichte“ (1843)

Der Geizhals Ebenezer Scrooge erhält am Weihnachtsabend Besuch von seinem verstorbenen Teilhaber und drei Geistern, die ihm die Augen dafür öffnen, was wirklich zählt im Leben – und das ist nicht, noch mehr Geld zu scheffeln. 😉

Kostenlos lesen auf Deutsch bei Projekt Gutenberg oder auf Englisch bei Project Gutenberg.

Lewis Caroll: „Alice im Wunderland“ (1865)

Wer von uns würde nicht einem sprechenden weißen Kaninchen mit Taschenuhr in seinen Bau folgen? Ich würde es machen in der Hoffnung, der Grinsekatze zu begegnen. Oder würdet ihr lieber Tee mit dem verrückten Hutmacher trinken oder Krocket mit der Herzkönigin spielen?

Kostenlos lesen auf Deutsch bei Projekt Gutenberg oder auf Englisch bei Project Gutenberg.

Emile Zola: „Germinal“ (1894)

Germinal ist keine leichte Lektüre. Etienne Lantier, ein Maschinist und Verfechter des Sozialismus, führt die Minenarbeiter in Voreux zum Streik gegen die Ausbeutung durch die Grubenbesitzer und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Aber nicht alle schließen sich an. Wird es den Streikenden trotzdem gelingen, ihre Forderungen durchzusetzen? Ja, stellenweise habe ich mich durch dieses Buch wegen seiner Langatmigkeit gequält, aber die Geschichte mit ihrer lebensnahen Darstellung des elenden Alltags der Minenarbeiter und ihrer Familien sowie den realistischen Figuren und ihrer Hoffnung auf ein besseres Leben ist mir sehr nahe gegangen.

Kostenlos lesen auf Deutsch bei Projekt Gutenberg.

Herbert George Wells: „Die Zeitmaschine“ (1895)

Ein Erfinder reist mit seiner Zeitmaschine in die Zukunft und trifft auf die kindlichen, sorglosen, humanoiden Eloi, die ein paradiesisches Leben ohne Arbeit zu führen scheinen. Aber wer versorgt sie mit allem, was sie brauchen? Und warum haben sie solche Angst vor der Dunkelheit? Als der Zeitreisende diesen Fragen nachgeht, stößt er auf erschreckende Antworten.

Kostenlos lesen auf Deutsch bei Projekt Gutenberg oder auf Englisch bei Project Gutenberg.

Herbert George Wells: „Krieg der Welten“ (1898)

Es ist ein riesiges Spektakel für die Bewohner von Woking, Surrey, als ein vermeintlicher Meteor landet. Die Aufregung wird noch größer, als sich herausstellt, dass es sich um eine Art Raumkapsel handelt, aus der Marsianer steigen. Doch sie sind nicht in friedlicher Absicht gekommen …3Wer hätte es bei dem Titel gedacht? 😉

Kostenlos lesen auf Englisch bei Project Gutenberg.

Arthur Conan Doyle: „Sherlock Holmes“ (1887-1927)

Bis zur BBC-Serie „Sherlock“ konnte ich mich mit dem berühmten Detektiv nicht anfreunden. Zu kalt, zu rational und arrogant war er mir. Aber Benedict Cumberbatch und Martin Freeman haben den Figuren eine emotionale Tiefe gegeben, die ich nun mitlese, wenn ich das Ursprungswerk aufschlage. Ist es nicht großartig, was Kunst imstande ist zu leisten? Dass neue Interpretationen dazu in der Lage sind, uns einen Zugang zum Original zu eröffnen?

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J. M. Barrie: „Peter und Wendy“ (1911)

„Alle Kinder werden erwachsen. Nur eines nicht.“4J. M. Barrie: Peter und Wendy. Noch einer dieser großartigen Buchanfänge. Vordergründig ist „Peter und Wendy“ ein Abenteuerfantasyroman mit Piraten, Indianern, Feen, Meerjungfrauen und einem tickenden Korokodil. Aber es ist auch ein Roman darüber, warum wir erwachsen werden und welchen Preis man zahlt, wenn man sich dem verweigert.

Kostenlos lesen auf Englisch bei Project Gutenberg.

Arthur Conan Doyle: „Die vergessene Welt“ (1912)

Professor Challenger behauptet, dass auf einem versteckten Hochplateau in Südamerika als ausgestorben geltende Tierarten überlebt haben. Doch er wird für einen Betrüger gehalten. Um seine Aussagen zu beweisen, führt er eine Expedition auf das Plateau. Ein unterhaltsamer Mix aus Abenteuer und Science-Fiction.

Kostenlos lesen auf Englisch bei Project Gutenberg.

Agatha Christie: „Alibi“ (1926)

„Alibi“ ist mein Lieblingskrimi von Agatha Christie. Mit ihm gelang ihr der Durchbruch als Schriftstellerin und sie löste mit dem Buch in den Reihen der Krimischriftsteller einen Skandal aus, weil sie etwas tat, was man angeblich nicht tun darf – aber gerade das macht den Roman so außergewöhnlich (gut). Hercule Poirot ermittelt diesmal auf dem Land, auf das er sich zurückgezogen hat, um Kürbisse zu züchten. Aber natürlich ereignet sich kurz nach seiner Ankunft ein Mord.

Kostenlos lesen auf Englisch bei Project Gutenberg.

Was bei den Klassikern fehlt

Ja, ich weiß, Autorinnen sind rar auf meiner Liste. Kennt ihr einen Klassiker der Literatur, der von einer Frau geschrieben wurde und von dem ihr meint, er gehöre auf meine Liste? Oder einen anderen Klassiker, den ihr für lesenswert haltet?

Was auf meiner Liste ganz fehlt, sind Klassiker außerhalb meines Kulturkreises. Auch das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Wenn wir in Nordeuropa über Klassiker reden5oder ganz allgemein über Literatur, meinen wir die der westlichen Kultur. Welche chinesischen Klassiker gibt es? Welche Werke haben die arabische Literatur maßgeblich beeinflusst? Welche afrikanische Autorin hat mit ihrem innovativen Stil eine neue Epoche in der Belletristik eingeläutet? Ich weiß es nicht, wüsste es aber gerne.

Falls ihr Lust bekommen habt, einen der Romane zu lesen, zum Glück gibt es das Projekt Gutenberg, in dem viele urheberrechtsfreie Werke auf Deutsch verfügbar sind, sowie das internationale Project Gutenberg mit Büchern in vielen Sprachen, hauptsächlich aber Englisch.