Schränken Story-Structure-Modelle nicht die Kreativität ein, weil sie einem vorschreiben, wie eine Geschichte erzählt werden muss? Story-Structure-Modelle können Kreativität behindern. Story-Structure-Modelle unterstützen Kreativität. Das hängt davon ab, wie man sie anwendet. Erstrebenswert ist zweiteres.
Ihr wisst nicht genau, was Story Structure ist? Dann lest am besten erst diesen Artikel:

Wir brauchen Vorlagen
Woran erkennen wir ein Auto, einen Pullover, ein Haus und wie halten wir sie mit einem Fahrrad, einem T-Shirt oder einem Zelt auseinander? Genau, wir haben eine Vorstellung, welche Merkmale diese Dinge besitzen müssen, um als Auto, Pullover oder Haus zu gelten. Ein Auto hat vier Räder und ein Fahrrad zwei, ein Pulli wärmt mehr als ein T-Shirt. Ein Haus hat Wände, ein Dach, Türen, Fenster und ist aus stabilem Material. Trotzdem können Häuser sehr unterschiedlich sein.
Damit das, was man herstellt, ein Auto, ein Pullover oder ein Haus wird, stützen wir uns auf Vorlagen. Wir sagen nicht: Ein Auto oder ein Haus kriege ich auch hin, ohne zu wissen, was es dafür braucht. Ich will stattdessen meine Kreativität fließen lassen. Dann hat man am Ende ein Auto mit dem Motor auf dem Fahrersitz oder ein Haus ohne Badezimmer.
Mit Story-Structure-Modellen ist es genauso. Obwohl sie gewisse Vorgaben machen, damit das, was am Ende rauskommt, eine Geschichte ist, bedeutet das nicht, dass diese dadurch gleich sind. Modelle sind Vorlagen, die man an die Bedürfnisse der Geschichte anpasst. Die Gefahr der Vorhersehbarkeit besteht dabei, aber zum einen gibt es Wege, das zu verhindern, und zum anderen ist Vorhersehbarkeit nicht immer ein Nachteil.
Vorhersehbarkeit durch Story-Structure-Modelle vermeiden
Besonders in Hollywood-Komödien springt mir oft entgegen, dass sie nach dem Beat Sheet geplottet wurden. Für mich ist offensichtlich, wann was passieren wird, weil der Ablauf überdeutlich dargestellt wird. Die Wendungen überraschen mich nicht, dabei sollten sie es. Zum Glück gibt es Methoden, Vorhersehbarkeit zu vermeiden.
Eine davon ist, die Ähnlichkeiten im Aufbau zu verschleiern, indem man dieselbe Station der Story Structure in verschiedenen Geschichten inhaltlich anders füllt. Als die auf der Isla Nublar festsitzenden Besucher den Stromgenerator neu starten, biegt Jurassic Park auf die Zielgerade ein. Als Baby Johnny ein Alibi für den Diebstahl gibt, setzt sie den letzten Akt von Dirty Dancing in Gang. Bei beidem handelt es sich um den zweiten Wendepunkt.
Eine andere ist, die Struktur so unterschiedlich zu gestalten wie die Häuser auf den Fotos. Das kann bedeuten: Steht in jeder Geschichte das auslösende Ereignis bei 12 %, der erste Wendepunkt bei 25 %, der Midpoint bei exakt 50%? Oder benutzt man diese Angaben nur als Orientierung? Hält man sich an die typische Reihenfolge der Story-Structure-Schritte? Oder ändert man sie so ab, wie es zur eigenen Handlung passt? Geschieht am auslösenden Ereignis das, was sonst am ersten Wendepunkt kommt?
Am besten aber schlägt man sein Publikum derart in den Bann der Geschichte, dass es gar nicht auf die Idee kommt, über die Struktur nachzudenken.1Nichts leichter als das, nicht wahr? 😉
Es muss außerdem nicht schlecht sein, wenn Erzählungen gleich aufgebaut sind. Denkt an eine Krimiserie wie Columbo. Wir wissen, wie die Handlung ablaufen und wie Columbo bei seinen Ermittlungen vorgehen wird. Und in dem Fall lieben wir die Vorhersehbarkeit.2Wenn wir darauf warten, dass Columbo an der Tür stehen bleibt, sich noch einmal umdreht und sagt: „Eine Frage hätte ich noch …“
Kreativ sein mit Story-Structure-Modellen
Wir haben Erwartungen an eine Geschichte, damit wir sie als Geschichte empfinden. Wir haben Erwartungen daran, was wann passieren sollte, selbst wenn uns das nicht bewusst ist. Wir werden ungeduldig, wenn die Hauptperson zu lange ohne Ziel durch die Handlung irrt. Wir sind enttäuscht, wahrscheinlich sogar wütend, wenn der Krimi vor der Klimax, vor der Enthüllung des Mörders endet.
Story-Structure-Modelle helfen, im Blick zu behalten, wann man Erwartungen (nicht) erfüllt. Sie helfen, stringent und gut nachvollziehbar zu erzählen, sodass man viele Leser*innen anspricht. Sie helfen, alles, was eine Geschichte benötigt, an den passenden Stellen unterzubringen. Wenn man ein Modell benutzt, hat man ein Gerüst, innerhalb dessen man sich ausprobieren kann.
Ihr wollt eine Geschichte schreiben, die viele erreicht? Ihr schreibt in einem Genre, in dem Abweichungen nicht gern gesehen werden? Oder ein Drehbuch für eine Serienfolge? Dann haltet ihr euch am besten enger3enger, nicht sklavisch! an ein etabliertes Modell wie die Drei-Akt-Struktur, das Beat Sheet oder die Heldenreise. Wenn ihr aber mit der Struktur experimentieren möchtet, bildet das Wissen über die Modelle eine Grundlage, von der aus ihr eigene kreative Ideen für eure Struktur entwickeln könnt. Aber eine Vorlage, ein Grundwissen, was eine Geschichte ausmacht, braucht ihr.
Soll ich plotten oder einfach drauslosschreiben? Das ist eine andere Frage, die viele Autor*innen umtreibt. Falls ihr mehr dazu wissen wollt, folgt dem Link zu meinem Artikel.
